Philologie.
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Philologie bestimmt abzugrenzen und zu gliedern suchte, indem er einerseits unhaltbarePrätensionen aufgab, andererseits der Philologie ihren selbständigen Charakter unterden Wissenschaften sichern Wollte. Hätte Wolf dies nicht gethan, es hätte durch einenandern geschehen mäßen. Das instinctive Fortarbeiten auf einem vagen, herrenlosenGebiete mußte einmal aufhören. Einen neuen Namen dafür zu schöpfen, war freilichnicht nöthig. Aber die Entwicklung der Wissenschaften brachte es mit sich, daß einemhöchst wichtigen, für die Bildung der Zeit außerordentlich einflußreichen Zweige desWissens und Strebens seine bestimmte Stelle angewiesen und bezeichnet wurde. Obman daraus eine selbständige Disciplin bilden solle, konnte anfänglich zweifelhaft sein.Ein Heeren konnte noch im I. 1797 behaupten, das Studium der Philologie könnenie ein System bilden oder systematisch geordnet werden; ein Schelling durfte in seinerMethodologie des akademischen Studiums (1802) nur flüchtige Blicke auf die Philo-logie werfen; ein Hegel konnte in der Encyklopädie (1817) die Leistungen Wolfs igno-riren und „die Philologie zunächst ein bloßes Aggregat von Kenntnissen" nennen,um den systematischen Charakter seiner Wissenschaft in ein helleres Licht zu stellen.Aber angesichts alles dessen, was im Laufe der letzten Jahrhunderte auf diesemin sich abgeschlossenen Gebiete von einer Reihe begabter und genialer Männeraller civilisirten Nationen Europas geleistet worden ist, angesichts der Stellung,welche die elastische Philologie als Element der Volksbildung eingenommen hat undbis heute einnimmt, angesichts der Vertretung, die sie in der periodischen Presseund in der Gesellschaft, besonders in Deutschland genießt, erscheint es denn dochvollkommen gerechtfertigt, der elastischen Philologie eine ebenbürtige Stellung in derRepublik der Wissenschaften neben der Geschichte anzuweisen, wie eine solche im Laufeder Zeiten auch andere Wissenschaften, wie z. B. die Philosophie neben der Theologie,die Staatswissenschaften neben der Jurisprudenz, die Naturwissenschaften neben derMedicin errungen haben.*)
Daß die elastische Philologie diese Stellung sactisch behauptet, ist außer allemZweifel. Ob man dies anerkennen will oder nicht, ist am Ende ebenso gleichgültig,als es in den Tagen von Campo Formio gleichgültig war, die Anerkennung der fran-zösischen Republik actenmäßig auszusprechen, die, wie Bonaparte meinte, so sichtbarwar, wie die Sonne am Firmament. Handelt es sich doch hier von einer geistigenMacht, die wahrlich Licht und Wärme in reichem Maß über die Menschheit ausge-strömt hat.
Nachdem wir uns auf diese Art über den Inhalt des Begriffs, der uns vorliegt,ausgesprochen, haben wir nun das Gebiet und den Umfang desselben näher zu be-schreiben, eine Gliederung der in die Sphäre der elastischen Philologie fallendenDisciplinen zu verzeichnen und damit das System dieser Wissenschaft aufzubauen.Als das leitende Princip erscheint uns hier der Satz, daß die elastische Philologiediejenige Wissenschaft sei, welche den Lebensgehalt der elastischen Völker, wie er inKunst und Literatur uns vorliegt, zu erforschen und darzustellen habe. Daraus er-wächst uns eine gedoppelte Aufgabe, 1) den Lebensgehalt zu erforschen, 2) ihn dar-zustellen, und eben damit eine zweifache Reihe von Disciplinen, erstlich solche, die sich
Receusion des bekannten Arnoldt'schen Buchs über F. A. Wolf von einem verehrten Mitarbeiterdieser Encyclopädie, W. Schräder in Königsberg, zu beziehen. N. Jahrb. für Phil. u. Pädag.1865. 9. S.^ 577—588. Auch die dort ausgesprochenen Ansichten über das Verhältnis der Lei-stungen unserer Gymnasien, gegenüber von den Leistungen der früheren, entsprechen durchausmeinen Neberzeugnngen und Erfahrungen.
*) Damit soll nicht verlangt werden, daß an den Universitäten eigene Facultäten fürelastische Philologie eingerichtet werden sollten, wie man an einzelnen eigene staatswirthschaftlicheFacultäten, neuestens in Tübingen eine naturwissenschaftliche Facultät errichtet hat. Diese Fragesteht in wesentlichem Zusammenhang mit der Organisation der Universitäten, womit wir es hiernicht zu thnn haben.