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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Mädchenschule.

stellung seiner Persönlichkeit zartere Rücksichten zu nehmen hat und feiner beobachtetwird, kann nur die religiössittliche Durchbildung seines Charakters ihn zu einer heil-samen Wirksamkeit befähigen. Die Zucht an sich selbst, die gewissenhafte Aufmerksam-keit auf sein eigenes Reden und Handeln ist darum die eigentliche Kraft, auf welchersein erziehender Einfluß und seine disciplinarische Macht ruht. Auf die Lehrerin wirddies alles ebenfalls bezogen werden müßen; ihre Aufgabe besteht darin, den Mädchenein lebendiges Vorbild edler Weiblichkeit zu werden. Wenn es in manchen Töchter-schulen als ein Zeichen höheren Anstandes angesehen wird, daß den von einem Mannegeleiteten Lehrstunden stets eine Lehrerin gleichsam als Hüterin der guten Sitte bei-wohne, der dann auch die eigentliche Disciplin während der Stunde überlassen werde,so kann dies nur als ein sehr bedenklicher Fehlgriff angesehen werden. Männer, vondenen gefürchtet werden kann, daß sie den Anstand verletzen, dürfen überhaupt in derMädchenschule nicht gelitten werden, und von dem verkehrten Verfahren, Unterricht undErziehung auf solche Weise auseinander zu reißen, ist nach keiner Seite hin ein Segenzu erwarten. Wohl aber muß die Hauptlehrerin das Recht haben, jeder beliebigenLehrstunde beizuwohnen, damit sie auch von ihrem Standpuncte eine klare Anschauungvon dem Geiste des Unterrichts und dem Verhalten der Schülerinnen erlangen undmit ihrem Rathe am geeigneten Orte eingreifen könne. Zur Familienhaftigkeit desSchullebens gehört auch, daß die Hanptlehrerin und die anderen Lehrerinnen in einvertraulicheres, mütterliches Verhältnis zu den Schülerinnen treten. Gemüthliche Ge-spräche mit diesen werden mannigfache Veranlassung darbieten, die Individualität derKinder zu erfassen und zu wirken. Wichtig für den familienhaften Charakter der Schule ^ist besonders, daß auch dem individuellen Leben der einzelnen Classen Sorgfalt zuge-wendet und der Gemeingeist für Zwecke dieser Art, z. B. für Ausschmückung desKlassenzimmers, für Aufrechtcrhaltung der Reinlichkeit, der Ordnung und der Ruhe inder Elaste, auch für gemeinschaftliche Handlungen werkthätiger Liebe geweckt werde.

Die Aufsicht während der Zwischenminuten durch eine Mitschülerin hat manche Be-denken, und muß genau controllirt werden, wenn sie nicht zur Ungerechtigkeit führensoll. Größeren Nutzen hat es in den oberen Classen, von Zeit zu Zeit einige derbesten und verständigsten Schülerinnen im stillen vorzunehmen und es ihnen zurEhrensache zu machen, daß sie durch freundliche Ermahnung der übrigen für Aufrecht-erhaltung eines guten Tones zu sorgen suchen. Auch können Schülerinnen der oberenClassen zur Beaufsichtigung der unteren sehr Wohl gebraucht werden. Für die Ge-wöhnung an allerlei kleine Dienste bietet die Schule mancherlei Veranlassung. Aeußer-liche Strafmittel hat die Mädchenschule nicht viele, darin liegt eine deutliche Hinweisungdarauf, daß eine gute Zucht den Vergehungen vorzubeugen wissen muß. Von derHausordnung, die zur Sitte werden muß, darf daher auch im kleinen keine Abweichunggestattet werden. Dem Ehrgeize der Mädchen sollte die Wurzel dadurch abgeschnittenwerden, daß die Rangordnung innerhalb der Elaste nur ein- oder zweimal im Semesternach dem Gesammturtheile der Lehrer vorgenommen wird. In den oberen Classensollte sie billig ganz fortfallen, das von schwachen Lehrern beliebte Certiren aber ausder Mädchenschule ganz verbannt werden. Zu den äußeren Strafmitteln, welche unterder Voraussetzung einer verständigen und seltenen Anwendung zulässig erscheinen, ge-hört das Nacharbeiten, die tadelnde Bemerkung im Classenbuche und die Verweisungin eine untere Elaste für eine kürzere Zeit. Der tüchtige Lehrer wird zu solchen Mittelnnur in seltenen Fällen greifen dürfen, und wird es nicht eher thun, als bis er dieganze Scala leiserer moralischer Mittel vom fragenden Blicke bis zum lauten Tadeldurchgemacht hat. Besondere Aufmerksamkeit erheischt die Gesundheit der Mädchen.Eigensinn, Laune, Verweichlichung und reizbare Aufgeregtheit veranlassen die Mädchenim Winter oft, die gegen die Kälte schützenden Kleidungsstücke, wie Pelzkragen, Man-tillen rc., auch in der Elaste anzubehalten, oder umgekehrt in den Zwischenminuten aufunvorsichtige Weise entblößt in den Schulhof zu gehen; manche scheuen die freie Luft