Druckschrift 
4 (1865) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
936
Einzelbild herunterladen
 

936

Mädchenschule.

Die Form der Abhandlung ist durchaus nicht die allein berechtigte, eine gute undrichtige Schilderung hat ihre logische Notwendigkeit so gut, wie jene, aber das isteben der heilsame Zwang solcher Themata, die auf concrete Lebenserscheinungen ge-richtet sind, daß sie zur Ordnung des Denkens durch die Natur der Sache selbstnöthigen. Die Beschreibung einer Uhr und die Beantwortung der Frage, wie sich imKampfe mit dem Drachen" der Ritter wegen seines Ungehorsams zu rechtfertigensucht, nöthigen auf gleiche Weise, die Folge der wirksamen Kräfte der Reihe nachdarzustellen, und es besteht bloß der Unterschied, daß es dort mechanische Kräfte undhier Seelenzustände sind, die beobachtet werden sollen. Nicht immer soll den Mädchenindessen zugemuthet werden, in ihren Aufsätzen diese strenge Objectivität zu bewahren;die individuelle Darstellung, zu der ja das weibliche Gemüth vorzugsweise befähigtist, mag immerhin auch zuweilen geübt werden, obwohl sie in der Schule mehr zurück-tretcn muß. Nur, daß auch hier vom Concreten ausgegangen und dem, wie schonRaumer gezeigt hat, leicht sich einschleichenden Wesen der Lüge in Empfindung undWort gewehrt werde. Themata, wie diese:Mit welchen Gedanken gehe ich meinerConfirmation entgegen?"Abschied von der Schule rc." sind ebendarum ganzverwerflich. Dagegen werden Fragen, wie diese:welches sind meine ersten Erinne-rungen? wie wünschte ich die Schule eingerichtet zu sehen, Wenn ich die Verhält-nisse ändern könnte? das Treiben auf dem Schulhofe rc." immer eine willige,leichtgeschürzte und oft überraschend feine Beantwortung finden. Natürlich fällt beisolchen Thematen alle Besprechung fort, aber diese Arbeiten dürfen nur den süßenNachtisch nach der kräftigen Mahlzeit bilden und dienen dazu, den Standpunct dergewonnenen Bildung zu prüfen.

Gegen den Unterricht der Mädchen in fremden Sprachen ist oft gekämpftworden. Zuweilen wenden sich diese Angriffe, so insbesondere die gegen das Fran-zösische gerichteten, eigentlich gegen die unrichtigen Grundsätze, von denen bei diesemUnterrichte oft ausgegangen wurde. Wenn v. Raumer das französische Parliren derBonnenerziehung verwirft, so hat er vollkommen Recht, und da in Mädchenschulendiese gedankenlose Manier lange Zeit eingebürgert war, so mag es immer noch ander Zeit sein, vor demselben zu warnen. Der allgemeinste und höchste Zweck desUnterrichts in fremden Sprachen ist niemals in den: Gebrauche derselben, sondernin der Vertiefung und Schärfung des Bewußtseins von den allgemeinen Gesetzen derSprache, also in der Bildung des Denkvermögens zu suchen. Auf der andern Seitehört aber doch auch der Gebrauch der fremden Sprachen niemals auf, in gewissemGrade Zweck und ein ebenso natürliches als nothwendiges und selbstverständliches Re-sultat des gründlichen Sprachunterrichtes zu sein. Wie ursprünglich nirgends einefremde Sprache nur darum gelehrt worden ist, weil sie ein Zuchtmittel des Denkenswerden sollte, sondern immer die Absicht Vorgelegen hat, aus Gründen des allge-meinen Weltverkehrs oder in Rücksicht aus die Literatur eines Volkes zur mündlichenund schriftlichen Anwendung seiner Sprache anzuleiten, so ist auch das Französischezunächst aus solchen praktischen Gründen in die Mädchenschule eingedrungen. Es istdarum sehr natürlich gewesen, daß die sogenannten Sprachmethoden in dem Unter-richte dieser Sprache immer vorgewaltet haben. Seitdem der Einfluß der französischenLiteratur und Sprache auf die deutsche Bildung ein geringerer geworden, auch wohldas Französische nicht mehr in der Ausdehnung Weltsprache ist, in welcher sie es imvorigen Jahrhunderte war, hat man den praktischen Gebrauch der Sprache in derMädchenschule nicht mehr so betonen können und vom patriotischen Standpuncte ausdas Französische auch wohl ganz aus derselben verbannen wollen. Man hat sichdarum in neuerer Zeit zur Verteidigung dieses Unterrichtsgegenstandes vornehmlichauf jenen letzten Grund alles Unterrichts in fremden Sprachen, daß dadurch dieKlarheit des Urtheils gefördert werde, berufen. Wenn aber diese formalen Zweckedie einzigen blieben, so konnte die Frage entstehen, ob dieselben nicht besser durch