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Mädchenschule.
durch den Gedanken anznstreben. Wenn zunächst in kurzen aber scharfen Zügen einallgemeiner Umriß der Poetik gegeben und das Wesentlichste der Metrik zumsichern Besitze gemacht worden, so kann den Mädchen auch nicht erlassen werden, indie geistige Arbeit unserer großen Dichter einen Blick zu thun und die muster-gültigen Ansichten derselben über das Wesen der Kunst und der Poesie insbesonderekennen zu lernen. Niemand versteht unsere Literatur, der die Umwandlung der ästhe-tischen Principien, welche von Klopstock an bis auf Schiller vor sich gegangen und ingeistvollen kritischen Schriften uns dargestellt worden ist, nicht kennen gelernt hat.Abhandlungen, wie Herders „von deutscher Art und Kunst", Lessing's „Laokoon", oderSchillers Aufsatz „über naive und sentimentale Dichtung" rc., geben den fruchtbarstenStoff zu inhaltvollen Denkübungen, führen auf das einfachste mitten in das Wesender Kunst, bieten mannigfache Veranlassung zu erklärenden Erörterungen, Wecken dasNachdenken, schärfen den Verstand, richten das Gemüth ans die edelsten Zwecke derKunst und wirken neben alle dem durch die classische Darstellung auf die Bildung desAusdrucks. Solche inhaltvolle Denkübungen, angeknüpft an irgend eine unsererclafsischen kritischen Schriften, müßen die innere Grundlage der ganzen Beschäftigung mitder Literatur in der Mädchenschule bilden. Erst von hier aus ist ein tieferer Gewinndieses llnterrichtsgegenstandes zu erwarten. Daß einzelnes dabei übergangen werdenkann und muß, daß die Mädchen über Schwierigkeiten, welche aus dem Mangelgelehrter Kenntnisse hervorgehen, schnell und leicht hinweggehobcn werden müßen, ver-steht sich von selbst. Geschieht dies und haben sie den innern Zusammenhang auch nureiner einzigen solchen Schrift recht erkannt, so darf gehofft werden, daß sie der Tri-vialität in der Benrtheilnng ästhetischer Dinge abgewendet und mit feinerem Sinnejenem Interesse für das Kunstschöne zugewendet sind, welches in der weiblichen Seeleso tiefe Wurzeln hat. Auch die Meisterwerke der Poesie selbst, welche den Mädchenvorgeführt werden, dürfen nicht bloß dem Genüsse dargeboten werden, sondern müßenmit Vermeidung aller vorgreifenden Kritik nach allen Seiten hin durchgearbcitet, er-klärt und zum Verständnisse gebracht werden. Da es in .der Mädchenschule daraufankommt, das Einfachere dem Schwierigeren vorzuziehen und die sittliche Zartheit desGefühles nicht zu verletzen, so hat man eine Auswahl der zu behandelnden Stückezu treffen. In dem Lehrplane der Elberfelder Schule (1860) ist eine solche Auswahlveröffentlicht worden. Sie umfaßt das Nibelungenlied (nach Simrock), Gudrnn (nachKeller), die Kirchenlieder des 16. und 17. Jahrhunverts, ausgewählte Stellen ausKlopstocks Messias, Herders Cid, poetische und prosaische Stücke von Matthias Clau-dius, Stellen aus Jung-Stillings Biographie, Schillers Wilhelm Tell, Lieder undBalladen, Göthe's Hermann und Dorothea, Iphigenie, die Novelle, einige Liederund Balladen, Abschnitte aus Homer von Voß und der Antigone von Donner, geist-liche Lieder von Novalis, einzelnes von Tieck, E. M. Arndt, Körner, Schenkendorf,Uhland, Rückert, Chamisso und Lenau. Gegen diese Auswahl läßt sich von demGesichtspnncte aus, daß die Schule nur das Bedeutendste und Vollendetste darbietenund der Privatlectüre das Uebrige überlassen werden kann, manches einwenden.Herders Cid, Stillings Leben, die llebersetzungen von Voß und Donner, und allevon Novalis bis Lenau genannten Dichter, außer Uhland und Rückert, bieten nichtden gediegenen unterrichtlichen Stoff und liegen dem nationalen Leben meist zu fern,als daß sie neben den übrigen Stücken eine Stelle Leansprnchen könnten. Dagegenwürden von Klopstock auch einige seiner Oden, welche für unterrichtliche Behandlungin so vieler Beziehung trefflich geeignet sind, Lessings Minna, von Barnhelm, vorallem die culturgeschichtlichen Gedichte Schillers (der Spaziergang, die Glocke) auchWohl Wallenstein und die Jungfrau von Orleans hinzuzufügen sein. Schillers Ge-dichte bieten durch Reichthum der Ideen die beste Gelegenheit zu eingehenden Erörte-rungen über sittliche und ästhetische Fragen und lassen auf ungesuchte Weise die An-knüpfung an die religiöse Lebensauffassung zu. Läßt sich doch, was Schiller das