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4 (1865) Kirche - Muttersprache
Entstehung
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Mädchenschule.

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tigste der Wortform-, Wortbildungs- und Satzlehre auf diesen Stufen durchgemachtworden, wird für die obere Stufe nicht viel mehr übrig bleiben, als die erlangteEinsicht in das Wesen der Sprache zu erhalten, zu befestigen und zu vertiefen, was durchAnknüpfung an jeden anderweitig behandelten Stoff gelegentlich immer geschehen kann.Man darf sich nicht verhehlen, daß, jemehr die eigentlich weibliche Art zu denken sichentwickelt, destomehr die Neigung der jungen Mädchen sich dieser grammatischen Be-trachtung der Sprache abwendet, daß überdies die wissenschaftlichen Grenzen dieserBetrachtung den Mädchen gegenüber sehr enge gezogen sind, da eine gründliche Er-örterung der betreffenden Verhältnisse immer die Kenntnis der historischen Entwicklungder Sprache voraussetzt und die Einführung der Mädchen ins Mittelhochdeutsch, wiesie hie und da versucht worden ist, doch eine Verirrung in das Gebiet der Gelehr-samkeit bleibt, die nicht gebilligt werden kann, daß also der grammatische Lehrstoff,so weit er in die Mädchenschule gehört und in derselben mit Nutzen betrieben werdenkann, ein ziemlich beschränkter ist. Soll sich nicht die oben besprochene Gleichgültigkeitgegen diesen Stoff einstellen, welche durch die zu häufige Wiederholung des oft Ge-hörten erzeugt wird, so muß nothwendig irgend ein neuer und anregender Gesichts-punct gegeben sein, unter welchem der grammatische Stoff angeschaut wird. Und diesenfinden wir in der vergleichenden Betrachtung der Sprachen, zu welcherdas Französische und Englische gegenüber dem Deutschen ans der obern Stnfe diemannigfachste Veranlassung bietet, und welche für das klare Verständnis jeder dieserSprachen sehr ergiebig gemacht werden kann. Aber im allgemeinen muß man wün-schen, daß auf der obern Stufe die deutsche Grammatik als solche eigentlich abgethansei. Das Mädchen hat nach der Schule keine Universität zu beziehen, auf welcher ihmder eigentliche Inhalt der Wissenschaften aufgeschlossen werden soll, es darf daher auchnicht während seiner ganzen Schulzeit auf die formale Behandlung der Sprache als aufdie Hauptsache seiner Bildung gewiesen, und darf nicht genöthigt oder gewöhnt werden,alle Worte, die es liest oder hört, redet und schreibt,an das Kreuz der Grammatikund Logik zu schlagen:" vielmehr soll auch der deutsche Unterricht dazu dienen,Geist und Gemüth der jungen Mädchen mit einem tüchtigen Inhalte zu erfüllen.Der deutsche Unterricht vermag dies hauptsächlich durch Einführung in die deutscheLiteratur, denn an die geistigen Schätze der nationalen Bildung ist auch die Bil-dung des einzelnen gewiesen, ja in diesen geistigen Schätzen kommt auch der eigent-liche Sprachschatz der Nation, die Fülle, die Schönheit und die Eigenthümlichkeit derMuttersprache dem einzelnen erst zur lebendigen Anschauung. Wenn der Proceß, dersich hier vollziehen soll, darin besteht, daß der einzelne nachdenkt und nachempfindet,was vor ihm die reifsten und edelsten Geister seines Volkes gedacht und empfundenhaben, so ist damit auch ein Fingerzeig gegeben, wie die Literatur in der Mädchen-schule behandelt werden müße, nämlich nicht als Literaturgeschichte, die nur der rechtverstehen kann, der die Literatur schon kennt und für welche in der Mädchenschuledie wissenschaftlichen Voraussetzungen nicht vorhanden sind, sondern als eine Einfüh-rung in das Verständnis der Meisterwerke unserer Literatur. Da nun zueiner solchen gehört, daß diese Werke gelesen, verstanden, ihre Schönheiten empfunden,manche Stücke dem Gedächtnisse eingeprägt und die in ihnen waltende Klarheit, Cor-rectheit und Schönheit der Darstellung nach Kräften in der eigenen schriftlichen Dar-stellung nachgeahmt werden; so ist ersichtlich, daß auf der obern Stufe der Mädchen-schule alle Seiten des Sprachunterrichts, das Lesen und Schreiben, das Denkenund Sprechen, die Uebung des Gedächtnisses und die Bildung des Geschmacks aufden Unterricht in der Literatur bezogen werden und durch ihn ihren Inhalt empfangenmüßen. Der eigentliche Mittelpunct des deutschen Unterrichts auf dieser Stufe ist alsoein ästhetischer. Soll nun nicht diese ästhetische Richtung, wozu bei Mädchen dieGefahr immer nahe liegt, in eine ganz verderbliche Gefühlständelei oder in ober-flächliches Raisonnement ausarten, so ist vor allen Dingen eine Zucht des Gefühles