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Mädchenschule.
Die Unterrichtsgegenstände der höheren Töchterschule sind eben so wenig will-kürlich, als die irgend einer Gattung von Schulen. Sie hängen von der zwiefachenGrnndfordernng ab, welche an die weibliche Bildung zu stellen ist, daß das Weib,was sein Geinüthsleben betrifft, dauernd in der religiösen Lebensanschanung erhaltenWerden, und, was seine intellectuelle Entwicklung angeht, eine allgemeine Bildung injenem von Vielwisserei, von Wissenschaft und von Philosophie Wohl zu unterscheidendemSinne erhalten müße, der in dem Artikel Mädchenbildung S. 498 f. festgestellt wordenist. Diese Forderungen weisen zunächst ans den Religionsunterricht, welcher fürdiese Gattung von Schulen die eigentliche Grundlage des sie erfüllenden Geistes undLebens sein soll. Daß er dies werde, ist freilich zum großen Theile davon abhängig,ob und wie es der Lehrer versteht, in allen Unterrichtsfächern und in allen sittlichenBeziehungen des Schnllebens den religiösen Gesichtspnnct festzuhalten, ohne der Wahr-heit, der subjektiven wie der objectiven, Abbruch zu thun und ohne der ganzen Unter-richtsweise eine unnatürliche und tendenziöse Richtung auf sentimentale oder rigoroseFrömmelei zu geben; aber es hängt auch ab von der Art und Weise, wie der Unter-richt selbst ertheilt wird. Je tiefer die Wahrheit ist, daß das weibliche Gemüth indem religiösen Bewußtsein continuirlich verharren und allezeit im Glauben wurzelnmuß, wenn es seine Aufgabe erfüllen will, desto mehr muß sich im Religionsunterrichte,als in dem Mittelpuncte des weiblichen Unterrichtes, die Eigenthümlichkeit desselbenüberhaupt offenbaren. Das zeigt sich an den beiden entgegengesetzten Polen der Reli-gion als Sache des Herzens und als Sache des denkenden Geistes. Wenn in neuererZeit wiederum ein besonderer Nachdruck ans die gedächtnismäßige Einprägung des reli-giösen Lehrstoffes gelegt worden ist, so ist es gewiß nicht die Mädchenschule, in welcherdieser Nachdruck heilsam wirkt. Die Mädchen sollten von vorn herein nicht so vielauswendig lernen, sondern mehr mit unbefangenem Gemüthe die heilige Geschichteaufnehmen dürfen. Schon Fenelon macht die Bemerkung, daß man sie zum Wieder-erzählen der Geschichten nicht nöthigen, sondern ihnen darin mehr Freiheit, nach Lustund Neigung zu verfahren, gestatten solle. Das ist eine sehr feine Bemerkung. Wennes doch bei Mädchen so sehr darauf ankommt, daß ihnen die Frömmigkeit frühzeitigHerzenssache werde, weil mancherlei Wege, durch die Wissenschaft und das Leben zumGlauben zu gelangen, der Bestimmung des Weibes ferner liegen, als der des Mannes,so sollte doch auch alles Religiöse dem Mädchen vor allen Dingen zur reinen Herzens-sache gemacht und die Angst um die Rechenschaft, die das Kind von dem Gehörtenzu geben hat, demselben ganz erspart werden.' Ist es doch keine Frage, daß die Sorg-falt, die in unseren Tagen auf das Wiedererzählen der biblischen Geschichten bei denkleinsten Kindern gewendet zu werden pflegt, den Schwerpunct des Religionsunterrichtesauf Kosten des Gemüthes verrückt und die Uebung des Gedächtnisses so wie der Sprach-fertigkeit auf eine Weise betont, welche die leise dämmernde und zarte Empfindung fürdaS Heilige und Göttliche im Geiste des Kindes eher zurückdrängt und vernichtet, alszu beleben geeignet ist. Stunden der seligsten Freude sollten die Religionsstunden derKleinen sein, Stunden in denen alles, was unterrichtlicher Zwang heißt, verbannt wäre.Der edelste Stoff, den menschlicher Unterricht darbieten kann, sollte auch in der edelsten,d. h> liebevollsten und freiesten Weise dargeboten und ausgenommen werden. Ließe mandie Absicht, bestimmte Kenntnisse zu erzielen, auf diesen untersten Stufen des religiösenUnterrichtes ganz fallen, würde mehr dahin getrachtet, in den Krndern die Stimmungdes tiefen Friedens, den die Seele in der Gemeinschaft mit ihrem Gotte athmet, zuWecken, sic zu einem lebendigen Gefühle der Gottesnähe zu führen, so würde für dieBefestigung wahrer Frömmigkeit gewiß mehr gewonnen, als durch die Fertigkeit, mitvielen und guten Worten die gelernten Dinge wiederzngeben. Denn für das Erstarkeneines wirklichen Glaubenslebens kommt es darauf an, daß der Mensch die Erfahrungjener Beselignng, die in dem Verkehr mit Gott liegt, an sich selbst mache. Und dieseErfahrungen sind es, welche wir vornehmlich dem Mädchen in dem ersten Religions-