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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Mädchenschule.

sammten sittlichen und geistigen Lebens, welche wir Bildung nennen, ist eben eineinnere Einheit, ein Ganzes, eine Ausgestaltung der Persönlichkeit, an welcher Gewohn-heit und Sitte, unbewußte Aneignung der in der Umgebung herrschenden Gesinnungund Denkart einen ebenso großen Antheil haben, als die absichtliche Erziehung undderen mit Bewußtsein aufgenommene Wirkung. Eben darum spielt Umgang, persönlicheBerührung und die ganze Umgebung, die dem Menschen von Jugend auf zu Theil gewor-den, eine so große Rolle in der Erziehung. Fordern wir aber gerade von der weiblichenBildung eine harmonische Ausgestaltung aller persönlichen Anlagen, mit welchem Rechtedarf die sittliche Zartheit und die rücksichtsvolle Lebensgewohnheit, die ein Kind gebil-deter Eltern in die Schule bringt, den plumpen und nicht selten gemeinen Sitten ver„barfüßigen" Kameraden preisgegeben werden? Und was sollte dadurch gewonnenWerden? Riehl meint, daß dadurch ver gerügten „Ueberweiblichkeit" vorgebeugt werdenkönne. Aber die Ueberweiblichkeit geht (s. Mädchenerziehung S. 511) aus Ueberschätzungdes weiblichen Geschlechts, nicht aus der Trennung der Stände hervor. In jederAristokratie, sie ruhe auf der Geburt oder auf dem Besitze, lebt überdies ein dunkleresoder helleres Bewußtsein davon, daß es den höhern Ständen gezieme, auch diegeistigen Interessen zu vertreten und durch Bildung hervorzuragen. Diese Stände, selbstwenn sie politische Prärogative nicht in Anspruch nehmen, werden daher immer, auchabgesehen von dem, was von der Lebensweise derselben bereits gesagt worden, eineNeigung haben, ihre Töchter lieber durch einen vorzüglichen Privatunterricht oder derWenigstens dafür gehalten wird, als durch öffentliche Schulen ausbilden zu lassen, wiedies am deutlichsten in allen Republiken sichtbar wird. Die höhere Töchterschule darfsich dies nicht verhehlen und darf nicht vergessen, daß sie für diejenigen socialen Gruppenbestimmt ist, die wir im allgemeinen als die „mittleren Stände" bezeichnen. Darinliegt, daß die Grenze ihres Pnblicnms nach oben deutlicher bezeichnet ist als nach unten.Ist die Schule tüchtig, so werden auch hochstehende Familien von derselben Gebrauchmachen, aber das wird bis jetzt noch immer als eine Ausnahme gelten müßen. Da-gegen wird unablässig die Forderung an die Schule ergehen, daß auch die Kindervon kleineren Handwerkern, Unterbeamten aller Arten, Unteroffizieren, Krämern rc.genug von solchen, die wir zu ven gebildeten Ständen nicht mehr zählen, also auchkaum zum eigentlichen Mittelstände rechnen können, ausgenommen werden sollen. Da-durch entstehen manche Schwierigkeiten. Zunächst bringen solche Kinder gewiß oft roheund zuchtlose Gewohnheiten mit und es kann, was so eben im Interesse der Vornehmengeltend gemacht wurde, auch im Interesse aller Gebildeten gefürchtet werden, daß dieBildung ihrer Töchter darunter leide. In der That schicken ja darum auch so mancheEltern ihre Töchter nicht in die Schule, weil sie diese Einflüsse, die doch auch nichtgeleugnet werden können, vermeiden wollen. Nun ist zwar selbstverständlich, daß dieSchule, welche ja eben um der Bildung willen da ist, das höchste Interesse hat, das

spruch machen. Die Söhne von Louis Philipp saßen in Paris ohne Nachtheil für ihre feinereBildung auf der gleichen Bank mit dem Sohn des Epiciers und auch in Deutschland giebt es inunserer Zeit Prinzen, welche für ihre Söhne die gleiche Bildungslausbahn wählen. Wenn es vonhohem Werthc ist, daß die höchsten Stände der Anschauung des Volkes, dem sie angehören, nichtentfremdet werden, so liegt in solcher Schnlgemeinschaft eine nationale Bedeutung. Nach unsererAnsicht wäre es auch für die Töchter der höheren Stände gar sehr zu wünschen, ja ein wahres Glückzu nennen, wenn sie die Anschauungen und Gewohnheiten, die Leiden und Freuden, die Bedürf-nisse und Bestrebungen der anderen Stände genauer und vollständiger, als dies manchmal derFall zu sein scheint, kennen und verstehen lernten, und wir sind überzeugt, daß die vollständigeOrganisation der höhern Töchterschulen ebenso, wie die allmähliche Ueberwindnng mancher nochbestehenden Vornrtheile immer mehr dazu beitragen wirb, auch die Töchter der höheren Ständedes Segens einer gründlichen Schulbildung theilhaftig zu machen. Nur können wir Riehls Ver-langen, daß vornebme Eltern ihre Töchter in die Volksschule schicken sollen, in den bestehendenVerhältnissen nicht gerechtfertigt finden.