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Mädchenschule.
ansprüche des Bürgers denen des Edelmanns gleich. Offenbar hatte sich, wie die Ge-schichte der französischen Revolution später bewiesen hat, die Bildung der mittlerenStände in Frankreich früher entwickelt als in Deutschland. Eine so allgemeine Appel-lation an den Mittelstand, eine so rücksichtslose Gleichstellung des Edelmanns und desBürgers in Betreff der ihnen zukommenden Bildung wäre in Deutschland zu jenerZeit noch unmöglich gewesen. Was diese geistige Verschmelzung der mittleren Volks-schichten in Frankreich hervorgerufen hatte, war der Aufschwung der nationalen Literaturunter Ludwig XIV. Die Aristokratie des Talentes und der Bildung hatte in derStille die Scheidewand überschritten, welche den dritten Stand von den andern trennte.Von dieser Seite konnte daher das Buch Fenelons in Deutschland kaum gewürdigtWerden; desto inniger traf es durch seinen religiösen Geist mit der damals in weitenKreisen Deutschlands herrschenden Stimmung überein. Auffallend aber ist es, daß dieentschiedenen Bemühungen, die weibliche Bildung auf eine höhere Stufe und zu größererSelbständigkeit zu erheben, sich in Deutschland ganz ebenso, wie in Frankreich, an denAufschwung der nationalen Literatur anknllpfen. Durch den lebendigen Antheil, denbereits in dem 3. und 4. Decennium des vorigen Jahrhunderts die ästhetischen undliterarischen, in berühmten Zeitschriften und in unzähligen kleineren Wochenschriftenausgefochtenen, Fehden allseitig erweckten, so wie durch die Begeisterung, mit welcherdie ersten poetischen Erzeugnisse unserer großen Dichter, eines Klopstock, Göthe, Schiller,ausgenommen wurden, verbreitete sich eine geistige Regsamkeit in der Nation, wie sieseit den Tagen Luthers nicht vorhanden gewesen war. Namentlich wurde das weib-liche Geschlecht durch den sentimentalen Charakter, den unsere Poesie von den TagenKlopstocks bis in die Mitte der achtziger Jahre behielt, auf das mächtigste ergriffen.Mit diesem Gefühlsrausch verbanden sich die Humanitätsideen und die pädagogischenBestrebungen der Zeit, um dem Gedanken, daß auch die Mädchen an der allgemeinenBildung theilnehmen müßten, in immer weiteren Kreisen Eingang zu verschaffen. Vonallen Seiten wurden dahin zielende Rathschläge laut (s- Ziegenbeins Schulschriften,Blankenburg 1809, der in der Abhandlung: „Blicke auf die Entstehung und Fortbil-dung der Töchterschulen" einen ins einzelne gehenden geschichtlichen Ueberblick darübergiebt, was für den weiblichen Unterricht im vorigen Jahrhundert geschehen ist). Haupt-sächlich in den letzten drei Jahrzehnten desselben und in den ersten beiden des 19. Jahr-hunderts wendete sich die öffentliche Aufmerksamkeit und thätige Theilnahme den höherenMädchenschulen zu. Es entstanden an verschiedenen Orten Deutschlands Musteran-stalten dieser Art, überall als Privatunternehmungen ins Leben tretend, über welchemannigfache Nachrichten veröffentlicht wurden. Man erkannte immer allgemeiner, daßdie bisherigen Mädchenschulen, deren Leistungen sich auf Lesen, nothdürftiges Schreiben,etwas Rechnen, französisch Plaudern, Stricken und Nähen beschränkten, den Anforde-rungen der Zeit nicht genügten. Man strebte eine tiefere, Geist und Herz gleich sehrveredelnde Bildung der Mädchen an, die man nach dem spiritualistischen und ästhetischenCharakter der Zeit in allgemeiner Erweiterung der Kenntnisse und in Betonung desästhetischen Factors suchte. Wie unmittelbar diese Bildung mit dem Aufschwünge dernationalen Literatur in Verbindung gesetzt wurde, geht besonders aus dem Umstandehervor, daß man in vielen dieser Schulen die Mythologie, weil, wie man glaubte,ohne sie unsere elastischen Schriftsteller nicht verstanden werden könnten, als einen sehrnothwendigen Unterrichtsgegenstand ansah. Das Hauptelement der Mädchenschule imGeiste der Reformatoren, die christlich religiöse Durchbildung des Charakters, die Ein-führung in die hl. Schrift, trat auch in diesen Kindern der rationalistisch gerichtetenZeit fast ganz zurück. In den Lectionsplänen dieser Anstalten ist es etwas gewöhnliches,daß für diese Elemente des Unterrichts, die unter der charakteristischen Rubrik „Sitten-lehre, Moral und Religion" aufgeführt werden, eine einzige wöchentliche Stunde (auchin den untern Elasten) angesetzt ist. Nur darin schien man allerdings noch der evan-gelischen Idee der Mädchenschule treu geblieben zu sein, daß man für die Familie er-