Druckschrift 
4 (1865) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
909
Einzelbild herunterladen
 

Mädchenschule.

909

Aberglauben, der dem weiblichen Geschlechte so nahe liege, zu entwurzeln, eine gründ-liche Belehrung, welche weiter gehe, als man gewöhnlich glaube, über alle Gegenständedes religiösen und kirchlichen Lebens dem Mädchen nöthig. Wenn dann der Erzbischofvon Cambray nicht umhin kann, vor den Lehren der Kalvinisten zu warnen, so ist dochseine weitere Unterweisung über die Art, die zehn Gebote, das Sacrament und dasGebet im Unterrichte zu behandeln, von echt religiösem Geiste erfüllt, denn die Haupt-sache bleibt ihm, daß (s. die Einleitungsworte in Cap. 8) Jesus Christus der Anfängerund Vollender unseres Glaubens, der Mittelpunkt aller Religion und unsere einzigeHoffnung, den Kindern recht vor die Augen gestellt werde. Was die weitere Bildungder Mädchen betrifft, so sollen sie zunächst ordentlich lesen und schreiben lernen (a. a.O. Cap. 12), sodann gezieme es, daß sie auch ihre Muttersprache grammatisch richtigzu gebrauchen und ihre Gedanken geordnet und mit bündigem Ausdrucke darzustellenwissen. Im Rechnen sollen sie die vier Species und deren Anwendung auf das Leben,auch in complicirteren Aufgaben, erlernen. Nöthig sei ferner, daß die Mädchen überdie für das Leben wichtigsten Rechtsverhältnisse eine kurze Unterweisung erhalten, z. B.darüber, wie sich ein Testament von einer Schenkung unterscheide, was ein Contract,eine Substitution, was mobiles, was immobiles Eigenthum sei rc. denn diese Dingeseien bei der Verheirathung von Nutzen. Der traurige Zustand des Gerichtswesensin Frankreich machte solche Unterweisung in jener Zeit sehr Wichtig, ja Fenelon fügthinzu, man möge den Mädchen die Schwierigkeiten der Rechtsfindung, die ungeheurenKosten der Processe, die Industrie der Advocaten rc. mit lebendigen Farben schildern,um sie eben so sehr vor dem Wahne, als könnten sie sich in solchen Dingen auf daseigene Urtheil verlassen, als vor den Gefahren des gewöhnlichen juristischen Beistandesselbst zu warnen. Ebenso will er die Mädchen, namentlich die Töchter vornehmer Edel-leute, über die Rechte ihres Standes und anderer Stände und über die Mittel, vonihrer Lebensstellung einen heilsamen und christlichen Gebrauch zu machen z. B. aufdem Lande kleine Schulen anzulegen (!), Krankenvercine zu gründen (!) rc., unterrichtetwissen. Im übrigen mögen die Mädchen ihre Muße durch gute Lectüre ausfüllennamentlich durch die der alten und neuern Geschichte. Was die Sprachen betrifft, so hältFenelon von dem Studium derselben nicht viel. Viele, sagt er, fänden zwar für nöthig,Italienisch oder Spanisch zu lernen; aber das sei weder nützlich, noch wegen derschlüpfrigen Literatur, die ihnen dadurch aufgeschlossen werde, ungefährlich; es sei denn,daß etwa ein Mädchen Aussicht habe, bei einer Prinzessin jener Nationalität eine Stellungzu finden. Viel vernünftiger möchte noch das Erlernen der lateinischen Sprache sein, weildieselbe befähige, die Worte der Messe zu verstehen, was sehr erbaulich sei; doch möchteer nur die verständigsten und bescheidensten Mädchen zu solcher Kenntnis führen, damitnicht etwa Eitelkeit sich in das Gemüth einschleiche. Ileberhaupt solle das Mädchen dieGrenze der Gelehrsamkeit fast ebenso fürchten als die der Unschicklich-keit. Was die Ausbildung des Geschmackes betrifft, so will Fenelon auch hier dieäußerste Vorsicht angewendet, will die jungen Mädchen vor jeder Erhitzung der Phan-tasie durch poetische Schriften gewahrt wissen, gestattet ihnen nur geistliche Musik unddie Ausbildung im Zeichnen und in der Malerei nur so weit, als dieselbe geeignet sei,das Gefühl für das Schöne bei ihren feineren Handarbeiten zu Wecken.

Welches Publicum Fenelon bei diesen Rathschlägen vor Augen hatte, ergeben be-sonders die Schlußworte des 12. Kapitels. Hier, wo er die allgemeine Regel behan-delt, daß man die Mädchen frühe daran gewöhnen solle, sich innerhalb der Grenzenihres Standes genügen zu lassen, spricht sich am deutlichsten aus, wie mannigfach dieVerhältnisse sind, an die er dachte. Er wendet sich ebenso an die Tochter des Seig-neurs, der auf seinem väterlichen Schlosse lebt, als an die Tochter des ehrbaren Bür-gers „cl'uno oonckition möciiooro äs la vills." Er erkennt damit das gemeinsame Be-dürfnis höherer Bildung für gewiße sociale Gruppen an, für welche 100 Jahre früheralle Mädchenbildung als Luxus angesehen worden wäre, und stellt damit die Bildungs-