908
Mädchenschule.
von vr. H. Heppe V. 294), die darüber klagt, daß außer den vergünstigten Lehr-müttern auch allerlei Weiber, die zu Falle gekommen, Ammen, Kupplerinnen, Dirnen,die nicht dienen Wollten, und auf ihre eigene Hand sitzen und sich mit allerhand Volknähren, Schule halten. Für das ganze Mädchenschulwesen knüpfte sich an dieseZustände der eigenthümliche Uebelstand, daß der höhere Mädchenunterricht, ganz ent-gegengesetzt den Absichten der Reformationszeit, eine Domäne der Privatspeculationwurde, von welcher erst in der neuesten Zeit Gemeinde und Staat wieder anfangenBesitz zu nehmen. Erst im 18. Jahrhundert wurde die Idee besonderer Anstalten fürden höheren Mädchenunterricht wieder ausgenommen. Gleich in den Halleschen Stif-tungen A. H. Franckes tritt eine gesonderte Mädchenschule ans, und so nahm dennauch der weibliche Unterricht an dem Gewinne Antheil, den die in diesem Jahrhunderteauftretenden mannigfachen Reformen des Schulwesens der Methode und dem Geiste§es Unterrichts eintrugen. Von großer Bedeutung für die Auffassung der höherenMädchenbildung wurde auch in Deutschland das Buch Fenelons sur l'säuoution ässWss, welches am Ende des 17. Jahrhunderts erschien nnd in seiner Art eben socharakteristisch ist, als das Werk des Lud. Vives äs rnstitutions kosminas olrristianas.Blickt dieser zurück, und faßt er in gründlichster Weise zusammen, was sich für diealte Praxis der gelehrten Frauenerziehung sagen läßt, indem er dabei aus der profa-nen Geschichte und Mythologie, ans der Bibel und Kirchengeschichte, sowie aus derReihe der vornehmen Zeitgenossen zahllose Beispiele und Belege für seine Behauptungenaufstellt; so blickt Fenelon in die Zukunft und spricht in einfacher und herzlicher Weisedie Notwendigkeit aus, daß des Weibes Geist und Gemüth einer edleren und sorg-fältigeren Pflege bedürfe, als bisher ihn: zugewendet wurde. Jener wendet sich anPrinzessinnen, dieser denkt an das Volk und insbesondere an den höheren Mittel-stand; jener überrascht durch treffende Bemerkungen über einzelnes, dieser gewinnt dasHerz durch die Wahrheit der allgemeinen Principien, von denen er ausgeht; jener redetwie ein Gelehrter, dieser wie ein Menschenfreund und wie ein Christ, freilich mit Be-tonung der katholischen Lehre. Richten wir den Blick insbesondere auf die Forderungen,welche Fenelon an die weibliche Bildung stellt, so begegnen wir sofort den gesundestenund besonnensten Anschauungen. Die Frauen, sagt Fenelon, ja. a. O. ollap. I.) sollennicht den Staat regieren, sollen weder Krieg führen, noch in den Dienst der Kirchetreten. Sie können also gewiße ausgedehnte Gebiete der Wissenschaft, die sich aufPolitik, Kriegskunst, Jurisprudenz, Philosophie, Theologie rc. beziehen, entbehren; abersie haben Pflichten zu erfüllen, welche die Grundlage des menschlichen Lebens aus-machen. Sind sie es nicht, welche das Familienleben zerstören oder erhalten? Eineverständige, thätige und fromme Frau ist die Seele des Hauses und waltet dort überdie höchsten zeitlichen und ewigen Güter. Um sie nun dieser ihrer Bestimmung gemäßzu bilden, will er zunächst durch den religiösen Unterricht den Grund zu allem weite-ren gelegt wissen. Sehen wir ab von dem, was er als Katholik fordert, so bleibendoch genug echt pädagogische und religiöse Gedanken übrig, welche noch heute Beach-tung verdienen. Den Anfang des religiösen Unterrichts sollen die biblischen Geschichtenmachen. Schon im zarten Kindesalter, in der Periode, wo die Kinder sich so gernkleine Geschichten erzählen lassen, soll man versuchen, ihnen mehr Geschmack an denbiblischen Geschichten, als an andern beizubringen, nicht dadurch, daß man ihnen sagt,sie seien schöner, was sie vielleicht nicht glauben würden, sondern dadurch, daß mandie Schönheit und Erhabenheit derselben ihrem Gefühle nahe bringt. So lege manden festesten Grund der Religiosität, denn es heiße das Wesen der Religion verkennen,wenn man nicht einsehe, daß sie durchaus Geschichte sei. Durch einen einfachen aberdas eigene Nachdenken anregenden Unterricht über die wichtigsten religiösen Begriffe,
fern von aller Gelehrsamkeit aber auch fern von todtem Gedächtniskram, sollen die
Mädchen angeleitet werden, das Wort Gottes selbst zu lesen und frühe daran gewöhnt
werden. Dürfe dann das Uebrige der Kirche überlassen werden, so sei doch, um den