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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Mädchenschule.

werde. Königliche Töchter sind es, für welche Vives und vor ihm schon Vincenz vonBeauvais solche Rathschläge gegeben hatte. Daß aber auf dem Throne, daß in denSchlössern der Großen und in den mit fürstlichem Aufwands geschmückten Häusernreicher Patricier auch dem Unterrichte der Töchter die nöthige Sorgfalt gewidmetwurde, war natürlich, denn es versteht sich zu allen Zeiten von selbst. Steigen wirnur eine Stufe tiefer, etwa in die Familie des mittleren und niederen Adels, oder garin die Sphäre des eigentlichen Bürgerstandcs, so hört da jede Fürsorge für die höhereBildung des Weibes ans und wir finden im Mittelalter außer dem, was die Klösterboten, keine einzige Veranstaltung allgemeinerer Art, die jenem Zwecke gewidmet ge-wesen wäre. Die vielen gelehrten Frauen, welche das Mittelalter und das Alterthnmuns nennt, werden eben darum genannt, weil sie die Ausnahmen bilden, weil sie überden Bildungsstandpunct der Frauen überhaupt sich erheben und darum Aufsehen machen.Die Rückseite dieser Erscheinung bietet daher ein desto unerfreulicheres Bild, eine voll-ständige Vernachlässigung der weiblichen Bildung in allen mittleren Schichten des Volkes.Ueberall kommt es hier, ganz wie im Alterthum, lediglich auf den Zufall an, ob einemMädchen durch günstige Verhältnisse ein Antheil an höherer wissenschaftlicher Bildungzufällt oder nicht. Gelegentlich mochte ein begabter Hansgeistlicher auf der Burg, oderin Städten ein dem Baterhause befreundeter Gelehrter sich eines solchen Mädchensannehmen; denn aller Unterricht der Art war eben Privatunterricht, und denselbenübernahmen für hochstehende Frauen nicht selten die berühmtesten Gelehrten ihrer Zeit.Fehlte eine solche Gelegenheit, so geschah eben nichts und dies war die Regel. Selbstdie Kirche als solche hat nicht eigentlich etwas uennenswerthes für die intellectnelleFörderung des weiblichen Geschlechts gethan, und Vives macht in der Vorrede seinesBuches cls institutions koominas vllristianao an die Königin Katharina von Arra-gonien den Kirchenvätern Tertullian, Cyprian, Hieronymus, Ambrosius, Augustin undFulgentins überhaupt den Vorwurf, daß sie, die so oft von den Weibern, namentlichvon den Jungfrauen und Wittwen gehandelt hätten und des Lobes der Keuschheit nichtmüde würden, doch den pädagogischen Gesichtspunkt übersehen und zwar zu einemehrbaren Leben ermahnt aber nicht gezeigt hätten, wie man dazu gelange. Sehen wirab von dem bei aller Entstellung der göttlichen Wahrheit doch unendlich tiefen Einflußder christlichen Lehre, von der festen sittlichen Schranke, in welche das Haus die Töchterund Frauen dieser Zeit geschlossen hielt, und von den idealen Momenten, welche diesendie Theilnahme an der nationalen Literatur darbot, und behalten wir die eigentlicheintellectnelle Bildung des Weibes im Auge, so müssen wir sagen, daß für diese imgroßen und ganzen im Mittelalter ebensowenig geschah als im Alterthum. Freilichgab es auch für Mädchen schon frühe in den Städten Schulen, und obwohl Karl derGroße die Erziehung der Mädchen von Männern, nicht von Frauen geleitet wissenwollte, so werden doch schon vom Anfänge des 13. Jahrhunderts an „Schulmeisterinnen,"„Lerfrauwen" und „Ammen" erwähnt, welche letzteren bei Knaben und Mädchen alsErzieherinnen wirken. Gegen das 15. Jahrhundert tauchen sie an sehr vielen Orten,in Berlin, Nürnberg, Straßburg, Lübeck re. auf, und kommen unter dem Namen „Lehr-halterinnen" und „Lehrmütter" als Personen vor, die theils für Mädchen allein, theilsfür Kinder beiderlei Geschlechts kleine Schulen etabliren. Aber die Benutzung dieserSchulen, deren Gattung sich als sogenannte Klippschulen noch bis in die neueste Zeiterhalten hat, war vollständig in das Belieben der Familien gestellt, und sie boten sowenig dar, daß ihr bildender Einfluß sehr gering ins Gewicht fällt, und noch keines-wegs einen Vorzug der mittelalterlichen Mädchenerziehung vor der des Alterthnms be-gründet, welches in Athen und in Rom schon frühzeitig Mädchenschule», in Athensogar besondere Mädchenlehrerinnen und in Rom doch auch wackere Er-

zieherinnen, wie die Hispulla, aufweist, an welche der jüngere Plinius so dankbareBriefe über das, was sie an seiner Gattin gethan, geschrieben hat.

Wie die Reformation erst den Gedanken der Volkspädagogik erzeugt hat, so wur-