Druckschrift 
4 (1865) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
901
Einzelbild herunterladen
 

X

Mädcheninstitute Mädchenschule.

901

sondern auch gebildete und erfahrene Erzieher und Erzieherinnen, die diesen Anstaltenihr Leben widmen. Daß für den religiösen Geist dieser Anstalten gesorgt werde, daßsie, wie Raumer sagt, „vom Christenthum durchdrungen und geheiligt sein mäßen, ohnedie Religion als Aushängeschild zu mißbrauchen," halten wir für selbstverständlich.Für das weibliche Privatinstitnt giebt es also keine rechte Stelle. Dasselbe ist be-haftet mit dem innern Widerspruch, daß es Privaterziehnng sein will, und doch dieZwecke derselben nicht realisiren kann, weil es eben als Institut eine Richtung ansöffentliche und allgemeine Erziehung hat, und doch nicht im Stande ist, diesem Jnstitnts-leben den wirklichen Charakter des Familienlebens zu,geben, wie große und öffentlicheAnstalten es vermögen. In der That sehen wir ja auch, daß gegenwärtig, wenn essich um die aushäusige Erziehung eines Mädchens handelt, entweder, und am liebsten,eine znverläßige Familie gesucht Wird, in die es mit vollem Kindesrecht ausgenommenwerden könnte, oder nach einer jener Erziehungsanstalten gefragt Wird, die durch ihrenöffentlichen Charakter für eine verständige Organisation Gewähr leisten. Dem Privat-institute bleibt also auch erfahrungsmäßig nur noch übrig, sich ans die freilich nicht ebengeringe Anzahl derjenigen zu stützen, die unklar über den Stand der Sache oder eineräußerlichen Ansicht vom Leben, von dem Wesen der Bildung und der Würde des Weibeszugewendet sind.

Damit ist aber die Stellung dieser Institute deutlich genug bezeichnet.

Mädchenschule, höhere. Höhere Mädchenschulen oder, wie sie gewöhnlich ge-nannt werden, höhere Töchterschulen, ein Name, den schon Jahn (das Wort ist seit1774 von Zürich ans in Umlauf gekommen; s. deutsches Volksthum von F. L. JahnS. 197) angegriffen hat, der sich indessen doch einzubürgern scheint, sind Unterrichts-anstalten für die weibliche Jugend der gebildeten Stände. Sie gehören durchaus derneuern Zeit an, sind zuerst in Deutschland aufgetreten, hier auch am meisten verbreitetund verdanken ihre Entstehung einerseits der ernsteren, durch die Reformation hervor-gerufenen, Fürsorge für das Schulwesen, andrerseits den seit der Mitte des 18. Jahr-hunderts eingetretenen Veränderungen der socialen Verhältnisse. Nicht darin bestehtdie Bedeutung der höheren Mädchenschulen, daß dieselben dem weiblichen Geschlechteden Zugang zu höherer Geistesbildung überhaupt erst eröffnet haben, denn das Alter-thum und das Mittelalter zählt der künstlerisch und wissenschaftlich gebildeten Frauensehr viele, sondern darin, daß sie dem cigenthümlichen Wesen weiblicher Bildungim Unterschiede von der Bildung des Mannes Rechnung tragen wollen, daß sie dieFürsorge für einen höheren Unterricht der weiblichen Jugend als ein allgemeines,die Gemeinde, den Staat und die Kirche interessirendes, Bedürfnis aufgedeckt und end-lich darin, daß sie den Zugang zu höherer Bildung von jenen Zufälligkeiten ausge-zeichneter Anlage und bevorzugter Lebensstellung, an welche wir denselben im Alterthumsowie im Mittelalter geknüpft sehen, befreit und weiteren Kreisen eröffnet haben. Dennwenn sich bei allen Cultnrvölkern neben dem geringen Antheil, der dem weiblichenGeschlechte an dem Volksunterrichte gegönnt war, die Erscheinung geltend macht, daßeinzelne Frauen sich über däs Niveau der weiblichen Bildung ihrer Zeit erhoben undmit den hervorragendsten Vertretern der Kunst und Wissenschaft in Gemeinschaft, zu-weilen sogar in einen Wettstreit eingetreten sind, der nicht immer zu ihrem Nachtheileaussiel, so wird diese Erscheinung doch immer dadurch charakterisirt und herabgesetzt,daß ihr die ebengenannten cnlturhistorischen Momente, welche der höheren Mädchen-schule unserer Zeit zu vindiciren sind, fehlen. Die gebildeten Frauen früherer Zeitenringen mit den Männern um den gleichen Preis männlicher Bildung. Sie tretenals Dichterinnen, als Philosophinnen oder als gelehrte Frauen auf; der eigenthümlicheLebensinhalt der weiblichen Seele kommt entweder gar nicht oder doch nur darin zurErscheinung, daß sie neben der Gelehrsamkeit und der Kunst auch ihren natürlichenPflichten als Gattinnen und Mütter Beachtung schenken. Die edelste Auffassung

Flashar.