580
Märchen, Fabel.
von welchem aus Kindertheatcr überhaupt betrachtet werden. Von öffentlichen Anstaltenist nichts von Märchenaufführungcn bekannt, für eine gewöhnliche Familie geht es Wohlauch kaum an; aber Privaterzichungsanstalten, Pensionate, also künstliche Familien könntendiesen etwas gekünstelten, raffinirten Genuß eines Märchens bewerkstelligen. Mit großerWärme und Begeisterung hat Gilbert solche Leistungen, wie sie im Benderschen Institutin Weinheim an Winterabenden geübt werden, geschildert. Aber offen gestanden, dieProben der dramatisirten s. g. Märchen (des Kaisers neue Kleider, und das Rath-haus von Schildburg) wollten uns nicht recht gefallen. Es weht etwas Kotzebueschesdarin: die Bürgermeister und die Rathshcrren sind dumm, der Kaiser und seine Mini-ster dumm und schlecht, die Weber und Kasperle klug und afterweise, der Chor derBürger singt einen Vers nach der Melodie des Menuets im Don Juan; kurz, wirkönnen uns nicht recht hineinfinden, daß das von kleinen Jungen aufgeführt schön seinsoll. Dramatisirte Märchen sind doch eigentlich überhaupt eine gewagte Künstelei; selbstTiecks gestiefelter Kater war bekanntlich in Berlin, mit der besten Ausstattung, gerade-zu ungenießbar, als er auf der Bühne erschien; für viele Leser ist er es von seher-gewesen. In jedem Falle hätten wir eine Anstalt zu beneiden um die Fülle von Kräf-ten und von Zeit, die sie dazu verwenden kann. Zuerst werden die Stücke vom Lehrervorgelesen; dann werden die Rollen vertheilt, beziehungsweise gewählt von denZöglingen; dann folgen Leseproben, Auswendiglernen, endlich mehrere Kostümproben:kurz, eine öffentliche Schule könnte kaum so viel thun, und wenn sie es thut, wird siesicherlich würdigeren Stoff finden.
Dürfen wir wohl schüchtern andeuten, daß Aufführungen von Märchen für Ma-rionetten sich besonders zu eignen scheinen? Wer Kindern den Genuß eines Puppen-theaters gönnt, mag ein Feenspiel, ein dramatisirtes Märchen wohl am liebsten wählen,und die gelenkigen und doch steifen, die hölzernen, aber wie lebendig wandelnden, stetsholdselig lächelnden oder zornig blickenden Schauspieler sind der Idee nach gerade dierechten Personnagen für das Märchenspiel: selbst Spielzeug. Wahrhaft Hübsches, jaVortreffliches in dieser Art haben wir in Paris mit wahrem Vergnügen manchenAbend im Jahre 1345 und 46, und auch wieder 1855 gesehen. Da war in dem öst-lichen Säulengänge des Palais royal nach dem Garten zu der Eingang zu dem kleinentbsätre Leraxbin, im ersten Stock der Gallerie, welches Fremden wenig bekannt zusein scheint, auch verschwindet es natürlich neben dem benachbarten eigentlichen tbsLtreäu Calais rozml; nur Kinder und ihre Begleiter und Begleiterinnen besuchen es,aber Kinder der verschiedensten Stände, doch meist wohlgekleidete, viele aus den höherenStänden. Die Stücke sind größtentheils Märchen, mit Gesang und tssries, ln belleau bois äormant (unser Sneewittchen), Osnclrillon (Aschenbrödel), 1a pouls aux osulsä'or, 1s xrinos snobants, der verwünschte Prinz (nicht verwunschene, wie neuerdings nacheinem komischen Wienerdialektstitel manche andere Deutsche in gutem Ernst zu sagenanfangen). Die Ausstattung ist höchst einfach, das Orchester besteht aus einerDame an einem Piano, die Verwandlungen, die Puppen sind meisterhaft, das Spielköstlich. Die kleinen Zuhörer und Zuschauer waren für mich die Hauptsache, und dieNationalität verläugnete sich anch hier nicht. Als der Prinz dem Publicum in schmerz-lichen Tönen erklärte
LlalAi-s man noble saraotsrs
-1s ns puls s. psrsonns plairs:
lks suis trop laich je suis trop laick!
nahmen die Mädchen herzlichen Antheil, und weinten zum Theil ein wenig; die schönePrinzessin aber mußte sagen, sie sei fast im gleichen Fall; trotz ihrer großen Schönheitwerde sie nicht geliebt, denn
äs suis trop bsts, je suis trop bete!