Märchen, Fabel.
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sucht Zügel anzulegen. Der Schüler muß lernen, daß Unterhaltung und Spiel vorder ernsten Beschäftigung, daß das Vergnügen vor der Pflicht zurücktreten muß.
Wer aber einem kleineren oder größeren Kinde die Fabeln- und Märchcnfreudegründlich verleiden will, der braucht nur erstlich die einfache Erzählung mit Anmerkun-gen zu unterbrechen, mit Ans- und Einlegungen zu garniren und mit einer Brühe vonNutzanwendungen zu übergießen. Er lasse durch die Hebammenkunst eines rechten Vir-tuosen in der Katechetik über die Moral, die darin steckt, cxaminiren, ein vortreff-liches Mittel, in welchem nur ein solcher geschulter Lehrer eine stolze Befriedigungfindet. Ein Feind der Märchen würde am klügsten handeln, wenn er die verboteneFrucht nur mit solcher Würze und nicht anders zum Genüsse darbieten wollte; einegründliche Abneigung wäre gewiß die Folge. Namentlich aber nöthige er das Kindauch, die ihm vorerzählte Geschichte wieder zu erzählen, und wenn das noch nicht hilft,so verlange er, daß sie mit andern Worten wieder erzählt werde, daß eine Fabel, dieman in Versen gelesen, nun in Prosa vorgetragen werde, und was die unleidlichenpedantischen Schnlkünste mehr sind, welche leider immer noch gepriesen und von man-chem geistlosen Treiber des deutschen Sprachfaches als eine willkommene Ausfüllungeiner Schulstunde willkommen geheißen werden. Der Verfasser kann sich nicht enthalten,so entschieden sich hierüber auszusprechen. Aus eigener Erfahrung weiß er, daßKinder es als ganz unnatürlich fühlen, wenn sie dem, welcher ihnen ein Märchen er-zählt hat, es wieder erzählen sollen. Sie wissen es perfect, hören es wieder und wie-der von ihm, wie zur Controls, ob er nichts ausläßt, und das ist ihre Freude; aberdem, der es weiß, es erzählen zu sollen, ist eine zwecklose Plage, ähnlich der Quälereimit dem Französischreden zum Beispiel, wozu sich deutsche Kinder mit Deutschen soschwer bringen lassen, während es mit der französischen Gouvernante oder Bonne wievon selbst geht, ls oas ooüoaut. — Dagegen wird man staunen, wie ein Kind seinMärchen mit Lust erzählt, wenn ein fremdes Kind zum Besuch kommt, welchesnoch nichts davon gehört hat. Ich kenne kein lieblicheres Bildchen, als einen solchenkleinen Erzähler, der liebevoll dem kleinen Freund in die Augen blickt, und nun in derThat frei und etwas anders erzählt, nicht wörtlich, wie er selbst es immer verlangte,sondern mit malerischen'Beschreibungen und lehrhaften Erklärungen oder Zusätzen: sieh!das kannst du noch nicht ganz verstehen, dazu bist du noch zu klein! Fönelon hatganz recht, wenn er sagt: „Hat ein Kind nur erst einige Leichtigkeit im Sprechen,so wird es Geschichten, die ihm besondere Freude machen, gerne solchen wieder erzählen,welche es liebt, und von welchen es glaubt, daß sie die Geschichte noch nicht kennen.Aber gebotene Wiederholungen, auf welche die Kinder nicht von selbst verfallen, genirensie und rauben ihnen das Vergnügen." Der Mutterwitz verlangt auch dergleichennicht, nur der Aberwitz der Schullehrer ist darauf gekommen.
Die Märchen und Fabeln sind überhaupt nicht sowohl Sache der Schule, als derFamilie; nicht der Lehrer hat damit zu wirken, sondern die Mutter und Großmutter,die Amme — daher die mit Unrecht von vorn herein verworfenen Ammenmärchen —die Wärterin und später auch der Vater und andere Freunde und Freundinnen desHauses. In der Schule aber wird man in den für deutsche Sprache bestimmten Lehr-stunden wohl auch anderes zu thun haben, als Märchen zu lesen, denn in der Schulespielt man nicht; die Fabel mag da und dort wohl ihrer Kürze und Abrundung,auch der gebundenen Form wegen, noch eher einen guten Stoff abgeben für Lernübun-gen, für sprachliche Zwecke.^
Ob eS aber außer dem Erzählen, Vorlesen und Lesen noch in anderer Form ge-boten und genossen werden soll, z. B. in dramatischen Aufführungen, das ist eineFrage, welche uns ferner liegt, und je nach dem Standpunct beantwortet werden wird,
Etwas ganz anderes ist es natürlich, wenn es sich darum handelt, Märchen und Fabelnals Literaturproben zu geben.