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Märchen, Fabel.
Erzieher auch warten wollen, bis die Kinder sie verstehen. Wie wahr hat Göthe ge-sagt: Das Wort verstehen versteht unsere Zeit nicht! Am gewöhnlichsten mißbrauchenes jene aufgeklärten Schullehrer, welche Himmel und Erde zn verstehen meinen. Zu-dem paßt es auch gar nicht gerade auf solche Geschichten, welche den Kindern erfahrungs-mäßig am meisten Zusagen. So sollen sie denn haben, nicht was sie zu verstehen,sondern was sie zu lieben, woran sie sich zu freuen fähig find. Darum lassen wirden süßen Geschichten aus dem alten jugendfrischen Born des Volkes ihr Recht; waswir andern an die Stelle setzen, kommt ihm selten gleich; ich möchte kaum SpeckterscheFabeln oder einige moderne Märchen ausnehmen. Die Geschichten der Erzväter unddes Evangeliums aber dürfen wir nicht unter den Spielkram werfen. Diese Erzählun-gen sollen eine Weihe ganz anderer Art haben; hier ist das Kind von Ehrfurcht undvon einer Art von Andacht durchdrungen. Die Helden der Märchen aber, obgleich oftfein und unbegreiflich genug, sind nichts göttliches und heiliges, auch bei richtigerAuswahl und Betonung nichts dämonisches; es sind Spielpersonen, nichts weiter.
Das Erzählen selbst weiß manche Kinderwärterin besser zu machen, als mancherLehrer; es ist an sich nicht schwer, aber lehren kann man es kaum. Vorlesen abereignet sich für kleine Kinder gar nicht; es ist für sie viel zu hoch und gelehrt, undrecht vorlesen ist überdies eine viel größere Kunst als das einfache Erzählen, einerkleinen Geschichte, welche anfängt: Es war einmal ein Mann, der war ein Holzhacker,und hatte sieben Kinder, lauter Buben n. s. w.
Wenn aber die Kinder lesen können, und anfangen auch zur Unterhaltung zu lesen,so sollen sie auch Märchen lesen dürfen und Fabeln, Knaben sowohl als Mädchen.*)Aus eigener Erinnerung weiß der Verfasser, daß alte Fabelbücher die ersten Bücherwaren, die er selbst mit großer Lust ganz gelesen hat; und es stand ihm vielerlei an-deres zu Gebot. Man braucht dabei gar nicht zu sorgen, daß die kleinen Leser sichzerstreuen und überdrüssig werden; sie bleiben trotz der Ermüdung durch die ungewohnteAnstrengung des noch mühsameren Lesens meistens so eifrig aufmerksam bei ihrerLectüre, daß eben dieses zugleich eine der bessern Uebungen im Festhalten bei einerBeschäftigung ist, ein wichtiger Umstand, den manches andere Spiel nicht gewährt.Zugleich ist das nebenbei viel naturgemäßer und fruchtbarer, als die gewöhnlichen Lese-übungen mit dem Herrn Provisor in der Privatstunde: es geschieht mit Lust und Liebeund aus freier Wahl. Auch Geschichten, die der junge Anfänger durch Erzählungenschon kennt, freut er sich nun lesen zu können, und wie er nicht müde wurde zuzuhören,und gar oft das gleiche Gericht genossen, hat, so kann er sich nun noch nicht satt daranlesen. Es kommt meist bald so weit, daß der Erzieher sich aufgefordert sieht, der Lese-
*> Nach der Ansicht namhafter Autoren sollen die Märchen kaum mehr für das schriftreifeAlter gehören, und dem Verfasser des Artikels „Jugendlcctüre" scheint Gervinus nicht unrechtgehabt zu haben mit der Bemerkung, daß, wenn der Knabe anfängt, Märchen zn lesen, die Zeitschon da sei, wo er sie nicht mehr lesen sollte. Allein das beruht doch wohl nur auf einerVerkennung des Unterschiedes zwischen Kindes- und Knabenalter in Beziehung auf die Auf-fassung des Märchens. Es ist von dieser Verschiedenheit schon oben die Rede gewesen, S. S75.
Wenn aber gesagt wird, es sei zu beklagen, daß die Märchenrede überhaupt in die Feßelttder Schrift gelegt werden mußte, so erscheint das denn doch 'als eine gar zn curiose Reflexion.Da wüßten wir Gebildeten also glücklicherweise nichts von den meisten Märchen und wärensomit auch der Klage nberhoben. Nun ist aber das Unglück geschehen, daß die GrimmschenMärchen eine „Schrift" sind, was die benamste Frankfurter Lehrerversammlung allein an-ihnenanszusetzen fand. Grimms Märchen, ja, und Campes Robinson wären übrigens die bestenaller Jugendschristen, so wurde entschieden, nur sollte die letztere anders geschrieben sein, dieerster; gar nicht. Es ist das fast zu witzig. Die Gründe sind so gut, daß aus ihnen auchfolgen würde, es sei zu beklagen, daß Homers Rhapsodien in die Schrift gebannt seien, daß Ge-sangbuchslieber und andere gelesen werden können u. s. f. Wer soll denn am Ende Märchenlesen? Nur die Kinderwärterinnen mit kurzem Gedärm?