Märchen, Fabel.
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der Kinder nahe legen, und viel freier und schöner, als in den gemachten „Genrebildern"aus der Knaben- und Mädchenwclt, Klatschgeschichten über böse Kinder und Lobhudeleiender guten, die sich ihrer großen Tugend und Beliebtheit freuen. Das Märchen lehrteinen idealen Maßstab kennen, welcher an die Wirklichkeit gelegt wird, ohne daß manihn in ihr selbst findet. Da wir nun aber ohne Zweifel ideale Normen und Aus-gangspuncte für ein über das Irdische sich erhebendes Ziel früh in die zarten Seelensenken sollen, so wird ein Mittel unter vielen hiezu auch das Märchen sein können,Wenn es in der Hülle des Wunderbaren einen Sinn birgt, den man freilich nicht amSchluß als einen abstracten Moralsatz dem Kinde an den Kopf werfen darf. Un-ausgesprochen wird er als Keim im Geinüth wurzeln und ini Leben selbst groß ge-zogen werden.
Gerade so ist es mit der einfacheren Fabel. Wenn nämlich in der Thierfabeldie Eigenthümlichkeit des Thiers, so wie es leibt und lebt, treu festgehaltcn ist, gewinntdas Kind durch die poetische Belebung der Gedanken und der Sprache, die dem Thicregeliehen werden, den höheren, wahrhaft menschlichen Einblick in das Thierleben. Wieoben bemerkt wurde, interessirt sich auch jedes aufgeweckte Kind leidenschaftlich für die„Brüder in Wald und Feld" und erkennt in ihnen weit mehr als in der Pflanzen-und Steinwelt, mit welcher es ebenfalls spielend verkehrt, die nahe Beziehung zur eigenenNatur. Was die Fabel lehrt, schreibt der Fabeldichter allerdings bei, die Kinder aberlesen es nicht und hören nicht darauf; sie lernen es aber doch.
Ganz anders als mit Fabel und Märchen verhält es sich nun aber mit demRoman, und zwar auch mit dem sog. Kinderroman. Märchen und Fabel nämlichstehen eben dem wirklichen Leben ferne genug, um Ideales darstellen zu können, welchesals Musterbild, nicht aber als Abbild des eigenen und fremden Handelns zu geltenAnspruch macht. Der Roman aber begünstigt im Gegcntheil jene vom Märchen mitUnrecht befürchtete Verwechslung der wirklichen Umgebung mit der erdichteten Erschei-nung; und diese ist noch dazu so oft nicht rein und natürlich, sondern verschroben undarmselig gezeichnet. In der That reizt auch in solchen Geschichten ein böser Konradneugierige und lebhafte Kinder zur Nachahmung ähnlicher Streiche und Bosheiten, sosehr auch dabei gepredigt wird; der grimmige Fresser im Märchen aber, der Oger, derRnmpelstilz, der böse Zauberer u. s. f. erscheint, wie er soll, dem Kinde rein abscheulichund grauenhaft.
Es ist wohl klar, daß mit unserem Standpunct, welcher Märchen und Fabel, wiedies auch von Aesthetikern geschehen ist, als Phantasiespiele bezeichnet, zugleich auchin pädagogischer Beziehung ausgesprochen ist, daß diese Dinge nicht als Lernstoff zubetrachten, sondern daß sie nur wesentlich unter die den Geist der Kinder weckenden,anregend beschäftigenden propädeutischen Mittel zu rechnen sind, und auch wenn dasLernen schon begonnen hat, als eine geistige Unterhaltung und Erholung dienen, welcheebenfalls bildend und erziehend wirkt, und, wie alle rechte Erholung, von der Jugendselbst ausgesucht wird. Hievon ansgehend können wir noch über die Art der Ver-wendung einige Andeutungen geben.
Den kleinen Kindern wird man erzählen, sobald eine Erzählung sie feßelt. Schondie Kindlein in der Wiege sieht man der Geschichte staunen, sagt unser unvergleichlicherDichter in der wundervollen Romanze vom kleinen Däumling. Man braucht keinegroße Auswahl, denn sie hören lange Zeit gerne immer und immer wieder dieselbeGeschichte, und sind wahrhaft unersättlich darin, auch wenn sie alles schon ganzgenau kennen, so daß sie jede kleine Abweichung sogleich bemerken. Vom VerstehenWollen wir gar nicht reden; denn was verstehen überhaupt die ganz Kleinen? DasKöpfchen arbeitet sichtbar, aber — js ns l'ni pns eonyu, sagt Rousseau, inaw js I'aibien ssnti! Die Mutter faltet ja auch dem Kinde die Händchen zum Gebet, es hörtaufmerksam zu und lernt kleine Liederverse oder Sprüche beten, womit freilich manche
Päbag. Encyklopädie. IV. 37