576 Märchen, Fabel.
Gesinnung und bahne den Weg zur Lüge." Dieser Glaube erscheint nun hinwiederumuns unbegreiflich.
Eher verstehen wir aber endlich einen letzten Vorwurf, nämlich den, daß die Mär-chen Furcht und Aberglauben in die kindlichen Seelen zu pflanzen geeignet seien,ein Vorwurf, welcher ebenfalls von Leiden Seiten her gemacht wurde, obwohl sich beideetwas verschiedenes unter Aberglauben gedacht haben werden. Hiehcr gehört auch dietiefer gehende Bemerkung Völters, daß die Märchen meist Ueberreste aus der Heiden-zeit sind, und falsche Götter ihren grimmen Schein darin werfen. Schon was dasFürchten betrifft, ist in der That etwas daran; es giebt Kindermärchen, welche denSchlaf der Kleinen stören und nachtheiligen Einfluß auf ihr Nervensystem haben können.Wir werden in der That auch hier eben alles prüfen, und das Beste behalten müßen.Nicht jedes Märchen überhaupt paßt für kleine und größere Kinder; gar manche habensowohl in Beziehung auf abergläubische Vorstellungen als in anderer Hinsicht bedenk-liche Seiten. Man wird uns aber zugeben, daß auch in der heiligen Geschichte nichtalles für Kinder paßt, wodurch eine passende Auswahl nicht ausgeschlossen, sonderngerade empfohlen erscheint. Wenn aber gegen das deutsche Märchen nichts weiter ein-zuwenden ist, als daß es aus dem dornigen wilden Rosenstamm entwachsen ist, demalle spätere Bildung inoculirt wurde, und aus dessen Säften auch das christliche Lebender germanischen Völker seine eigenthümliche Form gewann, so wird es Wohl keine Nochhaben. Der erfahrene Grube versichert übrigens von sich selbst (Studien S. 357),daß die von ihm in seiner Jugend mit leidenschaftlicher Vorliebe ausgesuchten Märchen-erzählungen ihn nicht abergläubisch und nicht furchtsam gemacht hätten. Die Reactionder gesund und frisch erklärten Wirklichkeit, sagt er, habe sogar den Einfluß von Ge-spenstergeschichten überwunden. Ein so vermittelter Sieg ist aber besser, als die mühsamzu erhaltende Unschuld in Beziehung auf solche geheimnißvolle, unheimliche Geschichten.Wenn man aber einen recht würdigen Vertreter der vernünftigen modernen Weltbildungfragt, was ist am Ende unschädlicher und gedeihlicher Stoff, den man den Kindern bietensoll? so erhält man Wohl etwas verwunderliche Antworten. Schreber sagt: „Gebet den„Kindern Erzählungen aus dem reichen Bilderbuche des realen Lebens der Gegenwart,„denn das Kind lebt jetzt nur noch in der Gegenwart, harmlose, einfache, liebliche oder„mit einer gesunden Moral verknüpfte Genrebilder, dazwischen zur Abwechslung einfach„lustige, komische Geschichten. Der beste Weg, um sich eines nur heilsamen Erfolges„der Erzählungen zu versichern, ist Wohl der, daß man der Wärterin sorgfältig aus-gewählte Kindergeschichten zu lesen giebt und es ihr zur Gewissenssache macht, keine„anderen als diese zu erzählen." Das klingt ja wie wenn Spitzbart spräche! HilfHimmel! wie sollen wir die rechten Wärterinnen finden und die rechten Geschichten,die sie lesen müßen, um sie alsbald wieder von sich zu geben! Die „einfache reale Ge-staltung der Dinge" zeigt uns, daß an beiden kein Ueberfluß vorhanden ist. Die stetsschwitzende, auf alle Bedürfnisse achtende deutsche Presse wird demnächst wohl bald eineBibliothek für Wärterinnen erzeugen, welche jeder Familienvater anschaffen sollte, undWelche kein altes Weib unbefriedigt aus der Hand legen wird; und die organisirendenStaatsbehörden werden auch Seminarien für lesende Kindermädchen gründen müßen.O ihr lieben alten Kinderfrauen, es wird euch „zur Gewissenssache gemacht", nur dierealen Geschichten von dem Friedrich und dem Wilhelm zu erzählen! Steckt nicht auchhier eine Spur jener noch nicht überwundenen scheinbar rein vernünftigen Richtung,welche Theorien der unmittelbaren praktischen Nützlichkeit verkündet, unrealisirbare Idealeder reinen Realität?
Wir fürchten nicht in eine solche Nutzenstheorie zu verfallen, wenn Wir nun positivauf den Werth und die Wichtigkeit aufmerksam machen, welche das Märchen fürdie Bildung des Gemüths und Gefühls haben kann. Weil nämlich in derMärchenwelt so vieles möglich und wirklich wird, was dies im gewöhnlichen Lebennicht ist, lassen sich ethische und religiöse Motive häufig ungezwungen dem Gemüthe