552
Malen.
sind hier vor allem zwei einander entgegenstehende Ansichten zn erörtern. Die einemöchte nämlich diese Thätigkeit aus dem Unterrichte am liebsten ganz ausgeschlossenwissen, da sie die nöthige Vorbildung dazu beim Schüler für ungenügend hält und be-hauptet, es lasse sich schon aus Mangel an Zeit und steter Uebung ein erfreulichesResultat kann- erwarten. Die leidigen Ausartungen des Dilettantismus, die zu schil-dern wir sogleich die unangenehme Pflicht haben werden, müßen diese negative Auffas-sung allerdings häufig unterstützen, und man darf sie dem ausübenden Künstler, dervon der Würde und dem unendlichen Umfange seiner Kunst durchdrungen ist, auch nichteben verargen: der Lehrer aber, wir meinen also der Künstler, der seinen Beruf weni-ger in einer selbstschöpferischen Thätigkeit findet, als in der Absicht, die allgemein bil-dende und sättigende Wirkung desselben auch andern zu vermitteln, der^Lehrer switchdiese Ansicht nicht theilen dürfen. Er muß es von Anfang gelernt haben, sich so weitselbst zu verläugnen, daß, Was jenen verletzt und entmuthigt, seine ausharrende Geduldund bescheidene Erwartung befriedigen kann. Eine verhältnismäßig geringe Leistungbeim Schüler wird ihn daher schon deshalb nicht stören, Weiler die praktische Ausübungdes Malens hier weniger als Selbstzweck betrachtet, sondern mehr als ein Mittel, dasden Gewinn allgemeiner Anregung, leichteren Verständnisses und einer eingehenderenLiebe zur Sache in sich trägt. — Die andere Ansicht über das Malen und seine Aus-übung im allgemeinen Unterricht findet ihre Anhänger freilich nicht unter Künstlernund Lehrern, desto öfter aber im Publicum selbst, und setzt jener rigoristischen Strengedie ganze Leichtfertigkeit laxer Grundsätze entgegen. Ein spielendes Wohlgefallen, einrein sinnlicher Genuß bleibt hier maßgebende Absicht und einziges Ziel der ganzen Be-schäftigung. Da nian von Anfang an nur Geringes anstrebt, so nimmt man auchdieses Geringe so leicht als möglich und geräth so in alle jene Jrrthümer hinein, mitdenen der Lehrer nur zu oft erfolglos ringen muß. Es würde die Grenzen, welcheuns gezogen sind, Weit überschreiten, wollten wir hier in die Schilderung der verkehr-ten Ansichten eingehen, wie sie bei Eltern oder Schülern sich eingenistet haben. Genug,daß ein solcher Dilettant niemals darnach fragt, ob das, was er unternimmt, auchseinen Fähigkeiten und seiner Vorbildung entsprechen wird. Er verfährt daher reinstoffartig; er will z. B. malen, nicht weil ihn der Gang seiner Entwicklung mit vollemRechte darauf hinführt, sondern weil ihm eine farbige Darstellung vielleicht besser ge-fällt, als eine bloße Zeichnung, Weil er ein Albumblatt zn verschenken Wünscht oder einBild copiren möchte, keineswegs um den Grad der künstlerischen Darstellung desselbensich möglichst anzueignen, sondern nur weil er es besitzen will, wenn auch in einemnoch so unvollkommenen Nachbild. Es bedarf kaum der Erinnerung, daß dieser ganzeUebelfland, der jedem Mißbrauche und einer elenden Pfuscherei Thür und Thor öffnenmuß, wesentlich mit einer falschen Gesinnung zusammenhängt, die das Publicum inBetreff allgemein bildender Studien nicht selten hegt. Man weiß zwar, daß allge-meine Bildung nun einmal verlangt wird, und man will sich hierbei bis zu einemgewißen Grade auch gerne betheiligen. Allein innerlich verhält man sich kalt oder reingenußsüchtig dazu und maßt sich das Recht an, die Art dieser Betheiligung eigenmächtigzu bestimmen. Hier muß es also die erste Aufgabe des Lehrers sein, mit aller Ent-schiedenheit solchen Auffassungen entgegenzutreten. Er dulde es nicht, daß sich im Schü-ler eine so niedrige, ja frivole Gesinnung über eine Thätigkeit festsetze, der er Müheund Zeit opfert. Mag auch die Anwendung der Kunst für ihn eine noch so beschei-dene sein und, wie so oft beim Dilettanten, später wieder gänzlich bei Seite gelegtwerden, die Beschäftigung damit muß dennoch von jenem Ernste und jener Pietät gegendie Sache getragen werden, welche die sittliche Basis jedes Unterrichts bilden sollen
anstalten, so begreifen wir unter diesem „allgemeinen Unterricht" eben einen solchen, wie er derJugend an Gelehrten- und Realschulen, sowie an polytechnischen Anstalten, endlich dem Dilet-tanten auf Privatwegen ertheilt wird.