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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Malen.

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Malm. Das Malen wird in der Reihe der ästhetischen Fächer, welche die Pä-dagogik in ihren Bereich zieht, nicht Wohl entbehrt werden können, da es ja nnr die Spitzeder zeichnenden Künste bildet, d. h. da es erst mit Hülfe der Farbe das graphische Bild(Zeichnung) zur vollkommenen Realität der natürlichen Erscheinung erheben kann. DieBedeutung dieses Faches im öffentlichen Unterricht wird aber eine noch allgemeinerewerden, so wie man ins Auge faßt, wie erfolgreich dasselbe gewisse Fähigkeiten heran-znbilden vermag, deren gänzliche Vernachlässigung kein Pädagog wünschen kann; wirmeinen nämlich die Entwicklung und Bildung des allgemeinen Farben-sinnes, also eine Fähigkeit, die im praktischen Leben die vielseitigste Anwendung findetund auf Phantasie und Stimmung, so wie auf die Anregung höherer Gedankenreihcneinen sogar unmittelbareren Reiz ansübt, als dies bei der Formenwelt der Fall ist. DieFarbe ist daher auch das natürlichste Symbol für diese Gedankenwelt geworden undhat als solches die menschlichen Lebenskreise nach allen Seiten hin durchdrungen. Wieleicht identisiciren wir z. B. die moralischen Begriffe der Unschuld und Reinheit mitder Makellosigkeit des Weiß, der Trauer mit dem Schwarz, der Festfreude mit dem Roth.Wie bestimmt empfindet bei einigermaßen entwickelten Organen unser Auge die erfri-schende Wirkung des Grün und wie natürlich trägt sich diese rein physikalische Sensa-tion auf unser Bewußtsein über und gestaltet sich hier zum Analogon jenes Gefühls,das wir Hoffnung nennen.

Diese Farbensymbolik, wie sie zu jeder Zeit und Lei jedem Volke je nach demGrade seiner Kulturstufe gefunden wird, erweitert aber in der freien Auffassung desentwickelten Individuums ihren Kreis ins Unendliche und wird so für den Einzelnenimmer mehr zu einer künstlerischen Wahl, deren sicheres Gelingen nothwendig an ästhe-tische Gesetze gebunden sein muß. Hier wird also auch die oft betonte Verwandtschaftder Farbe mit gewißen Grundlagen der Tonkunst und ihr musikalisch-lyrischer Charaktersich offenbaren. Denn wie in der Musik die Töne, so treten in ähnlichem Sinne dieFarben zu harmonischen Accorden zusammen, und jede Lücke in dieser Farbenhar-monie, jeder Verstoß in der Zusammenstellung ihrer complementären oder chromati-schen Tonreihcn müßte unser Gefühl in nicht geringerem Grade verletzen, als es in derMusik ein Miston oder eine unaufgelöste Dissonanz thäte.*)

Keine Frage also, daß das Element der Farbe und ein für dasselbe entwickelter Sinnin der humanistischen Bildung jedes Menschen von entschiedenem Werthe ist und für ihneine Quelle edler Genüsse und idealer Beziehungen werden kann. Wie wenig ist einedurchgebildete Persönlichkeit denkbar ohne diesen Sinn, und wie bitter müßte im praktischenLeben, in Natur- und Kunstgenuß, ja schon in der Wahl unserer äußeren Umgebungs-undpersönlichen Erscheinungsformen sich die gänzliche Vernachlässigung desselben rächen.

Wenn wir aber so den Werth dieses Farbensinnes, der nichts anderes als ein in-tegrirender Bestandtheil des Schönheits- und sittlichen Schicklichkeitssinnes ist,seiner allgemeinsten Fassung nach vorausstellen, so wird auch sogleich einleuchten, daßdas Malen der unmittelbar praktische und erfolgreiche Weg zur Heranbildung dessel-ben sein muß. Denn erhebe sich diese Kunstübung nun zu ihrer eigentlichen Höhe, d. h.zum Figuren- und Landschaftmalen, oder verharre sie in den einfacheren Gebieten desOrnamentes, der Blumen u. s. w., immer wird aus dem Umgang mit der Farbe auchdie Kenntnis ihrer Zusammenstellung und ihrer Mischungen für den Schüler hervor-gehen und ihm die allgemeinen Gesetze der Farbenharmonie leichter erschließen, als esdurch bloße theoretische Lehren zu hoffen stünde. Fragt man zunächst, was in derAusübung des Malens beim allgemeinen Unterricht**) erreicht werden kann und soll, so

*) Heber den Einfluß dieses Elements auf Kunst und Leben giebt den umfassendsten Auf-schluß: bl. 6 üsvre ul: Die Farben Harmonie, aus dem Französischen übersetzt von einemTechniker. Stuttgart, 1840.

**) Da wir unfern Gegenstand wesentlich von seiner populären Seite zu fassen haben, alsoim Gegensatz zum künstlerischen Fachunterricht in abgeschlossenen Kreisen und auf besonder» Lehr-