Druckschrift 
4 (1865) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
549
Einzelbild herunterladen
 

Mager.

549

eine Spur zu finden, die genau bemesscnde, mehr oder minder künstlich gehaltene Bü-chersprache meidet er und läßt uns vorherrschend die leichterfließcnde, aber doch körnigeund fesselnde Rede eines lebhaft an- und eindringendcn geistreichen Mannes verneh-men, der man von Blatt zu Blatt folgen muß, man wolle oder nicht. So haben wirLei ihm auch nicht eine Secunde Langeweile, man ist vielmehr immer in anregenderund belehrender Gesellschaft. Vervollständigen wir jedoch dieses Bild seiner schrift-stellerischen Weise noch durch ein paar weitere Züge: Magers Stil war lebhaft, aberoft bis zur Erregtheit, anschaulich, aber oft leidenschaftlich und drastisch, er entbehrtsehr oft die schöne Ruhe und das Maßvolle der objectivcn Darstellung, so stehen wiran der Schwelle, auf der wir Antwort erhalten auf die obige Frage; denn mit diesemCharakter seiner Schreibweise steht in engem Zusammenhang die sonstige Artseines Auftretens in der Revue oder in seinen Abhandlungen. Eben diese Arthaben wir nun noch genauer anzusehen, wobei wir zugleich einen Blick in sein HerzWerfen können. Mager gab sich nämlich in all seinen Schriften ganz wie er War, erstellte sich niemals besser hin, ja er haßte den Schein dermaßen, daß er sich sehr ofteher schlimmer machte, als er wirklich war.

Nach seiner ganzen geistigen Begabung war Mager zur Leitung einer so viel um-fassenden Zeitschrift wie die P. R. in seltenem Maße geeignet. Er verband mit einemoffenen Auge für alle Ereignisse in Staat und Kirche, Schule und Bücherwelt einenphilosophisch geschulten Geist, welcher Principien, Probleme und Persönlichkeiten mitgroßer Schärfe nach ihrem innersten Gehalte befragen konnte. In allen Schulwissen-schaften wußte er sich auf dem Laufenden zu erhalten, und drang besonders auch mitEifer in die Geschichte der modernen und in die vergleichende Pädagogik ein. Und allediese Kenntnisse beherrschte er leicht und hatte sie immer zur Verfügung. Von seinerBegabung endlich zu überschaulich-zusammcnfassenden, zu historisch-kritischen Darstellun-gen hatte er schon in der deutschen Bürgerschule Proben abgelegt. All dieses Wissenund Können verwertete er nun, als leitendes Haupt der Revue, auf meisterliche Weise.Vornehmlich jedoch entfaltete sich die kritische Seite, indem es Mager für geboten erach-tete, nicht nur alle Gebrechender Zunft", sondern auch die mancherlei kulturpolitischenVerkehrtheiten der Feudalen und der Romantiker, der Radikalen und der Abfolutisten nachihrem wahren Wesen zu zeichnen. Da er jedoch nicht als der Geist auftreten wollte,der nur verneint, so galt es auch Reformvorschlüge anzubieten, deren er stets eine Legionzur Hand hatte. Daß er dabei das Bewußtsein seiner Tüchtigkeit oft stärker hervor-treten ließ, als sich mit edler Bescheidenheit verträgt, und die Gegner häufig schonungs-loser anfaßte, als weise und humane Mäßigung gestattet, das hat wohl den Beifall,den er sonst verdient hätte, geschmälert und seine Wirksamkeit gehemmt.*) Er warunumwunden und freimüthig bis zum Uebermaß, so daß der andere das Wohlwollen,das Mager in sich tragen mochte, wenigstens nicht zu fühlen bekam.

Das Jahr 1848, das verhängnisvolle, traf Mager in seinem Arbeiten und Hoffenaufs empfindlichste. Schon zuvor in der Gesundheit bedenklich angegriffen und auchin seinen Erwartungen hernntergestimmt, hielt er nur mit Mühe den Sommer hindurchnoch einen Nest von Hoffnungen fest, bis ihm zuletzt über der irrthumsvollen Entwick-lung der deutschen Bewegung auf politischem, kirchlichem und scholastischem Gebieteundüber der geringen Widerstandsfähigkeit in den ordentlichen Leuten Deutschlands"der Muth brach. Weil er nun aber nicht allein an seiner Zeit verzweifelte, sondernin seiner gereizten und krankhaften Stimmung auch am Erfolg seiner öffentlichen Arbeitin der Revue, so glaubte er sich nicht mehr befähigt noch berechtigt, sie fortzusetzen, und

*) Wie M. in seiner Selbstüberschätzung denn doch zuweilen sehr weit gieng, mag folgendeverbürgte Anekdote beweisen: M. traf einmal im Eilwagen mit Jakob Grimm zusammen,ohne ihn zn kennen; bald waren sie in einem Gespräch über deutsche Grammatik, wobei es sichherausstellte, wer der Reisegefährte war, und nun setzte M. diesem, dem Schöpfer der deutschenGrammatik, auseinander, wie er seine Grammatik eigentlich hätte einrichten sollen!! D. Red.