Druckschrift 
4 (1865) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
538
Einzelbild herunterladen
 

538

Mädchencrziehung.

Mädchenschule.

Liebe zugewendet, die Hegel so schön in der Phänomenologie des Geistes (Bd. II.S. 329 f.) beschreibt, wird die Jungfrau, erfüllt von einem freudigen und kräftigen Be-wußtsein jenes Familiengeistes, der immerhin eine leise Regung des Gefühles, daß sieum der Familie willen etwas ans sich zu halten habe, in ihr Wecken mag, keinesdieser Bande brechen, wenn der Mann ihrer Liebe sie aus dem Vatcrhause führt, ummit ihr ein eigenes Hauswesen, eine neue Stätte edler und heiliger Sitte unter denMenschen zu gründen. Sie wird ein Herz voll Frömmigkeit, Liebe und Freude indas Haus bringen, wohin sie zieht, weil dieses Herz von seinem Neichthum nichts andie arme Welt verloren hat. Sollten aber die Brüder und die Schwestern allehinansziehcn und sie allein Zurückbleiben, so wird sic mit einem solchen Herzen dochnicht einsam sein. Denn wo echte Weiblichkeit waltet, da blühet alle Fülle der Liebeund der Treue, da öffnet sich überall ein gesegneter Wirkungskreis; und wenn es nurwirklichhimmlische Rosen" sind, welche das Weib in das irdische Leben zu webenWeiß, so wird es auch allezeit selbst zuerst den himmlischen Duft derselben, nämlichFriede und Freude, athmen. Flashar.

Madchcillchnlci!, höhere § ,

Mädchenschule. Seit die Dame, wenn sie von ihremMädchen" spricht, einendienstbaren Geist darunter versteht, den eigenen weiblichen Sprößling aber nie ein Mäd-chen, sondern nur ihre Tochter nennt, meinen viele, vielleicht auch manche Lehrer, eswäre wider den Anstand, die Schule, welche vorzugsweise von weiblichen Schülerinnenausbessern Familien" besucht wird, Mädchenschule zu heißen. Unter der letzteren ver-steht man vielmehr jetzt gewöhnlich nur diejenigen Elasten der Volksschule (s. d. Art.),in welchen bei der Geschlechtertrennung (s. auch d. Art.) bloß weibliche Schülerinnen ausden untern Schichten der Gesellschaft sich befinden. Diese Schulen gehören der neuen Zeitau. War früher auch hie und da eine Uuterrichtsanstalt fürTöchter" vorhanden, soist dasMädchen" doch erst seit dem Laufe des vorigen Jahrhunderts schulbcrechtigtund schulpflichtig geworden. Wenn von da an die Volksschule die gemischten Geschlech-ter aufnahm, so brachten es nach und nach verschiedene Ursachen mit sich, daß inStädten und größeren Landgemeinden die Geschlechter getrennt und besondere Mädchen-classen errichtet wurden. Die hauptsächlichsten dieser Ursachen waren die große Anzahlvon Schulkindern in einer Gemeinde, bei welcher nach Erschöpfung anderer Classifica-tionsprincipien auch nach Geschlechtern getheilt werden mußte, und das besondere Be-dürfnis der Mädchenbildnng, welchem nach dem Uebertritt der Knaben besserer Bürger-samilicn in höhere Unterrichtsanstalten nun in den gemischten Elasten, wo nur nochunbemittelte oder minderbefähigte Knaben zurückgeblieben waren, nicht mehr genügendhätte entsprochen werden können. Denn auch in solchen Städten, in welchenTöch-terschulen" undhöhere Töchterschulen" errichtet und im Gange sind, wird die Volks-schule doch von verhältnismäßig weit mehr Mädchen als Knaben aus besseren Bürgers-familien besucht.

Der Unterrichtszwcck in diesen Schulen ist im wesentlichen der gleiche wie in denKnabenschulen und in den gemischten Schulen. Da aber ans die künftige Bestimmungder Schüler bei der Wahl und Behandlung des Unterrichtsstoffes im einzelnen stetsRücksicht zu nehmen ist, so ist zwar in den gemischten Schulen für die Mädchen Ge-legenheit manches zu lernen, was mehr für die künftige Lebensstellung des Knaben, undfür die Knaben, was mehr für den künftigen Berns des Mädchens dienlich ist; aber inden Mädchenschulen wird dagegen in Unterricht und Erziehung ausschließlich die Naturund Bestimmung des weiblichen Geschlechtes im Auge behalten. Als Unterrichtsfächerfür diese Schulen werden in der pädagogischen Literatur seit langer Zeit bezeichnetReligion, Realien (Naturgeschichte, Naturlehre, Geographie und Geschichte), Lesen,Schreiben (Schönschreiben, Rechtschreiben und Aufsatz), Kopf- und Tafelrechnen, Sin-gen, Zeichnen und von einzelnen auch Formenlehre. Ob aber alle diese Fächer bereits