Druckschrift 
4 (1865) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
537
Einzelbild herunterladen
 

Mädchcncrziehung.

537

verständnisvolle und freundliche Walten der verständigen Tochter. Aber jene kleinenAufmerksamkeiten und Hülfleistnngen, durch welche sie sich allen nützlich und Werthmacht, sind nur der äußere Schmuck eines Lebens und Wirkens, welches tief innerlichvom Pflichtgefühle getragen ist. Die Stellung der Jungfrau zum Haus-wesen hat sich geändert. Nicht mehr gelegentlich und zufällig das Einzelne ver-suchend und übend, sondern mitwirkend und das Ganze ins Auge fassend mit innerergrößerer Selbständigkeit, greift sie in das Hauswesen ein. Ein und das andere De-partement werde ihr ganz oder zeitweise übertragen. In solcher Selbständigkeit desWirkens offenbart sich dann manches, was noch zu lernen, was wohl auch abzuthunist. Das ökonomische Urtheil und die Haushaltungs-Rechenkunst dürfennicht vernachläßigt werden. AnS dem falschen Caleul, welches in diescni Gebiete inso vielen Familien herrscht, geht viel Jammer der Menschen hervor. Mau gewöhnedie Jungfrau, die unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse zuerst ins Auge zu fassen, stetsdie Gesammtheit der Familie und den jährlichen Kostenbetrag der Ausgaben zu be-denken, und lasse sie an eine strenge Buchführung sich gewöhnen. Ebenso werde dieKochkunst in ihrer unberechenbaren Wirkung für das Wohlergehen der Familie derJungfrau dargcstellt und diese auf das sorgfältigste darin geübt. Amalie Marschner(a. a.O. S. 11l) hat sehr gut die physischen und sittlichen Nachtheilc geschildert,welche sich an die Vernachläßiguug dieser Kunst anschließen. Ein flüchtiger CursnsLei irgend einem berühmten Koch thnts nicht. Da wird wohl die Zubereitung feinerTafelgerichte gelehrt, welche bei Festlichkeiten paradiren können, aber nicht die kräftigeHausmannskost, und nicht die Kunst, mit wenigen Mitteln nährende, gesunde, mannig-faltige und schmackhafte Speisen zuzubereiten. Ein reiches Gebiet öffnet sich der ord-nenden Hand und dem gebildeten Geschmacke in der Anordnung der Zimmer und Möbel,in der Ausschmückung derselben durch Blumen rc. Aber daß nur auch neben diesenfeineren Geschäften die sogenannte grobe Arbeit nicht übersehen werde! Die Jung-frau soll alles verstehen und keine Arbeit für schlecht halten, sie weiß nicht, wo sie esbrauchen wird. In der Reinlichkeit der Wäsche, der Gefässe und der Zimmer wurzeltdie eigentliche Tüchtigkeit jedes Hauswesens. Manches Mädchen geht auch wohl inder Erfüllung dieser Pflichten zu weit. Dann ist es Zeit, ihr begreiflich zu machen,daß diese Sorgen für den Haushalt zwar nöthig und überaus wichtig seien, daß aberder Mensch nicht vom Brode allein lebe, sondern von einem jeglichen Worte, das ausdem Munde Gottes gehe, daß es edlere und heiligere Bedürfnisse in der menschlichenSeele gebe, die nicht über den häuslichen Sorgen dürfen vergessen werden. Es giebtarbeitslustige Naturen, welchen erst dann recht wohl ist, wenn sie ganz ins Fegen undWaschen sich versenken können. Denen werde gezeigt,,daß eine rechte Hausfrau zwaralles verstehen, aber keineswegs alles selbst thun müße, daß es eine höhere Auf-gabe für sie gebe, welche darin besteht, den Blick über das Ganze sich frei zu erhaltenund das Hauswesen an allen seinen Theilen zu beherrschen. Selbst die edelsten undbesten Seiten häuslicher Tüchtigkeit können übertrieben werden. Frauen sind leichtgeneigt ins Extrem zu verfallen, darum müßen sie auch, wie schon Fenelon bemerkt,vor kleinlicher Oekonomie, ja vor Peinlichkeit in Betreff der Ordnung und Reinlichkeit,welche zur Lächerlichkeit und Gcmüthlosigkeit führen, bewahrt bleiben, und so darf auchder feine Geschmack, der leicht eine gewisse Geringschätzung der unteren Volksclassenerzeugt, nicht aus Kosten der Liebe gepflegt werden. Alles dies und was sonst fürdie Bildung der Jungfrau im einzelnen weiter gethan werden könnte, wird sich zurrechten Harmonie gestalten, wenn das Hans selbst die rechte Pflege und Schätzung derLebensgüter und die rechte Ueber- und Unterordnung derselben in seiner Lebensvrdnungdarbietet. Leise und unmcrklich werden sich die natürlichen Bande, mit denen dieJungfrau an Eltern und Geschwister sich gebunden fühlt, vergeistigen und in sittlichgeistiger Verklärung lösen. Dem Vater, der Mutter eine Freundin geworden, denGeschwistern in jener zarten Empfindung und jener ethischen Tiefe der uneigennützigsten