534
Mädchcncrziehung.
UebergangSzustand eigenthümlicher Art, der, wie alle kritischen Zustände, mancherleischeinbare Widersprüche offenbart. Die aufgeschossene Gestalt ist weder die des Kindes,noch die des Weibes. Und so ist auch das geistige Wesen des sich selbst halb erra-thenden, halb misverstehenden Mädchens. Heute gesellt cs sich altklug zu dem Er-wachsenen, morgen vertieft eS sich in das kindliche Spiel. Auffallende BeweglichkeitWechselt nicht selten mit ebenso auffallender Neigung zur Einsamkeit, und der Unzu-friedenheit mit sich selbst geht nebenher eine leicht zu weckende Unzufriedenheit mit derUmgebung. Leicht gereizt und verletzt, weiß es doch selbst den rechten Ton in Redeoder Antwort nicht zu finden und überrascht zuweilen durch Taktlosigkeit, die man sonstnicht gerade an ihm gewohnt ist. Brennende Neugier, alles, was ein Geheimnis zuenthalten scheint, zu durchdrungen und eigene, oft störrische Verschlossenheit vollenden dasBild dieses Zustandes, der für den Beobachter zuweilen geradezu etwas komisches hat.Aber man hüte sich, dies dem Mädchen zu verrathcn. Gerade diese Uebergangszeitbedarf der höchsten Vorsicht in der Behandlung. Hat das Mädchen jemals Anspruchauf zarte Schonung gehabt, so hat es ihn jetzt in erhöhtem Grade. Denn jene geistigenZustände sind nur der Reflex einer tiefen Gereiztheit des leiblichen Organismus, welchedas Mädchen gerade beim Erwachen des Geschlechtslebens zu mancherlei Krankheitendisponirt, allen zufälligen Störungen des organischen Lebens einen eigenthümlich ge-fährlichen Charakter giebt und sich durch die energische Einwirkung des Psychischen aufdas Physische auszcichnet. Mangel an Vorsicht in dieser Zeit legt oft den Grund zulebenslänglichen Leiden. Aber die Umwandlung geht rasch vor sich. Eines Tagesüberrascht uns die Bemerkung, daß wir nicht mehr das Kind, sondern die Jungfrauvor uns sehen. „Das Gesicht erhalt eine lebhaftere Farbe, die Züge werden anSdrnck-voller und lebendiger, die Stimme wird klangvoller und melodischer, das Auge wirdfeuriger, Verdauung und Assimilation werden rascher, das Blutleben wird gesteigert,das Athmen beschleunigt, der Herzschlag kräftiger, das Nervensystem empfindlicher, derGeist erregter. Die Unbefangenheit des Mädchens verliert sich, die Jungfrau wirdschamhafter, zurückgezogener, es durchzieht sie ein nie gekanntes Sehnen, es durchzuckensie nie gefühlte Schauer." So beschreibt Hcidcnreich (lieber Erziehung der weiblichenJugend S. 13) den tiefen Proceß der Verwandlung, durch welchen das Mädchen zurJungfrau reift. Mit der physisch-psychischen Transfiguration verbindet sich aber aucheine geistig sittliche Umwandlung. Die Jungfrau wird sich ihrer Würde als Persön-lichkeit bewußt, und wie die Ansprüche an das Leben dadurch gesteigert werden, so er-hält auch das Pflichtgefühl dadurch erst ganz seinen sittlichen Inhalt und seine ganzeEnergie. Dieses Gefühl weist die Jungfrau in das HauS, an die Familie, und hierallein kann ihre Erziehung erst vollendet werden; freilich nur dann, wenn das häus-liche Leben seiner Idee entspricht. Ist dies nicht der Fall und hat daher auch derbisherigen Erziehung des Mädchens die rechte Grundlage nicht gegeben werden tonnen,so wird das verstärkte Selbstgefühl in der Jungfrau sehr bald jene Eitelkeit undGefallsucht zur traurigen Blüte bringen, welche Betty Gleim das „radicale Böse"der weiblichen Natur nennt. Ihre verheerenden Wirkungen ans dem Boden des sitt-lichen Lebens werden durch nichts so sehr unterstützt und gekräftigt, als dadurch, daßsich das häusliche Leben jenem Einstusse des Zeitgeistes dienstbar macht, den wir dieMode nennen. Das Wesen der Mode kann nur aus dem Verhältnisse des Hauseszur Oeffentlichkeit recht verstanden und in seiner unsittlichen Basis erkannt werden.Die Mode ist die entartete Schwester der Sitte. Es ist oben, Wo das Wesen derHäuslichkeit dargestellt wurde, auf die Nothwendigkeit hingewiesen worden, daß sichdas Leben des Volkes im Hause restectiren müße, daß dieser Reflex des Allgemeinenund Nationalen innerhalb der Familie eben die Sitte sei und daß es nur die tiefen,das innerste Leben der Nation, ihre Beziehung zur Natur und ihre historische Entwicklungdarstellenden Züge sind, welche in solcher Weise zur Sitte sich individualisiren. Ein-richtung, Hausrath, Kleidung, religiöse Gewohnheiten, Feste rc. sind solche Reflexe des