530
Mädchenerziehung.
schon gewöhne man das Mädchen daran, die höchste Ordnung und Reinlichkeit in seinemAnzuge zu beobachten. Ein Mädchen muß etwas auf seinen Körper und auf seine Kleidunghalten, und je mehr es von selbst darauf kommen würde, auch wenn es dazu nichtangeleitet worden wäre, desto nöthiger ist es, von Kindheit ans gute Gewohnheiten indiesem Stücke zu begründen. Rein und ordentlich muß das Aeußere des Mädchens/ wiesein Inneres sein. Ein unreinliches und zerfahrnes Aeußere läßt mit Recht auf innereZerfahrenheit schließen. Diese Untugenden sind mit Eitelkeit noch sehr vereinbar, undes giebt elegante Damen, die immer etwas zu verbergen haben. Man bringe demMädchen frühzeitig ein gewisses Ehrgefühl bei, welches sich darauf richtet, daß esnicht bloß in dem, was andern sichtbar wird, sondern in seinem ganzen Anzuge,auch in den Unterkleidern, ordentlich und reinlich sei. Auf diesem Ehrgefühle ruhtWeibliche Tüchtigkeit. Hat sich ein Mädchen erst daran gewöhnt, an seinem eigenenLeibe nur die sichtbare Oberstäche erträglich erscheinen zu lassen, so wird diese Ober-flächlichkeit in noch weit höherem Grade dereinst das ganze Hauswesen, dem es vor-stehen svll, bezeichnen. Für die Erhaltung des Ordnungssinnes ist es ferner von höchsterWichtigkeit, daß man die jungen Mädchen daran gewöhne, auf die Reinlichkeit ihrerKleidung selbst zu achten. Die Reinlichkeit hängt sehr innig mit der Sparsamkeitzusammen, denn sie conservirt die Dinge. Es giebt Frauen, die immer an ihren Kleidern,Bändern :c.'Flecke haben und nichts thnn können, ohne sich zu verunreinigen. Ist dasKleid unrein geworden, hat es einen kleinen Riß bekommen, so werde es sofort ge-reinigt oder ansgebessert. Ehe das Kleid fortgehängt wird, werde es untersucht undnicht eher aufgehoben, als bis die Spuren des letzten Ganges wirklich beseitigt sind.Es giebt Frauen und Mädchen, bei denen das schönste Kleid in wenigen Tagen seinenLustre verliert; andere, deren Kleider ewigen währen scheinen und immer sauber bleiben.Sparsamkeit geht in diesen Dingen mit der Thätigkeit Hand in Hand. Was dieästhetische Seite der Kleidung betrifft, so stelle man schon dem Kinde Einfachheit desAnzuges als das höchste und edelste Princip dar. Bei der Mannigfaltigkeit der Stoffe,Farben und Formen, die jede Jahreszeit neu hervorbringt und durch welche das weib-liche Auge so leicht geblendet wird, ist es von wesentlicher Wichtigkeit, frühzeitig einefeste Richtung auf das Verständige und Richtige einzuhalten. Man mache das Kindaufmerksam darauf, daß wahrhaft vornehme Damen sich einer gewißen Einfachheit desAnzuges befleißigen, und daß das, was wahrhaft gefällt, immer wieder auf diese edle Ein-fachheit zurückgeführt werden könne. Man zeige ihm andererseits die auffallende Eitel-keit, welche aus dem überladenen Putze anderer spricht und nur zu leicht sich jedemaufmerksamen Beobachter verräth. Freilich, wenn man die kleinsten Mädchen schon auf-putzt wie Damen, wenn man sie lehrt, auf schöne Kleider einen Werth zu legen, sokann man sich hinterdrein nicht wundern, daß Eitelkeit und Gefallsucht unvertilgbareWurzeln in ihren Herzen schlägt. Schon die Forderungen des guten Geschmackes gehendarauf, den Flitter und Tand zu verbannen, das Gesuchte zu vermeiden, die bunteMannigfaltigkeit, welche die- Harmonie des Ganzen stört, zu fliehen. Durch solcheUeberladung kann die Schönheit nur verlieren, die Häßlichkeit nur widerwärtiger werden.Es giebt eine weibliche Kunst, die Farben auf angemessene Weise zu gruppiren, durchden Schnitt des Gewandes das schöne Ebenmaß des Körpers in anmuthiger Weisehcrvortreten zu lassen und dem Ganzen der Kleidung jene wohlthuende Harmonie zuverleihen, die sie zu einem Bilde der rechten Weiblichkeit macht. Diese Kunst ist be-rechtigt, sie stammt aber aus der Totalität des richtig geleiteten Gefühles und wirddaher nur von wahrhaft gebildeten Frauen recht geübt. Man mag es jedem jungenMädchen gönnen, eine solche Lehrmeistcrin zu finden, um vor den üblen Folgen, welcheGeschmacklosigkeit mit sich führt, bewahrt zu bleiben; aber die sittlichen Absichten, welchein Betreff der Kleidung die Erziehung zu verfolgen hat, gehen darauf, das Aeußereschließlich doch als das Nebensächliche erscheinen zu lassen. Es ist gut, wenn einMädchen gelernt hat, sich geschmackvoll zu kleiden, aber es ist unendlich viel besser,