528
Mädchenerziehung.
Besonders beaufsichtige er die Lectüre und lasse die für dieses Alter in mehrfacherWeise gefährliche Lesesucht nicht einreißen. Was früher von den Beweisen der Zärt-lichkeit, später von der Beachtung des Kindes gesagt worden, das gilt auch von deinGrade des Vertrauens, das dem jungen Mädchen gezeigt werden darf. Wie sehrVater und Mutter die Vertranten der Tochter seien, und sie können es nie genug sein,so sehr mäßen beide sich hüten, sie zu ihrer Vertrauten zu machen. Nur in einzelnenbesonders gehobenen Augenblicken lasse man die Tochter einen tieferen Blick in dieeigenen Absichten, Sorgen und Verhältnisse thun, und die Tochter empfinde es stetsals eine Ermunterung zur Treue, als eine erhebende Anerkennung, wenn solche Beweisedes Vertrauens ihr gegeben werden. Das ist besonders Wichtig in Betreff der Ge-schwister und der Dienstboten. DaS junge Mädchen sieht mancherlei, was auch denEltern entgeht. Mögen dieselben es ruhig hinnehmcn, auch gelegentlich benutzen, nie-mals aber die Tochter den Einfluß merken lassen, den sie geübt hat. Auf eine ange-messene Entfernung von den Dienstboten muß schon jetzt gehalten werden. Man lassedas junge Mädchen so selten wie möglich mit denselben allein, und gewöhne sie ineinem freundlichen und niemals in einem befehlenden Tone ihre Aufträge auszurichten,trete aber jeder Vertraulichkeit auf das entschiedenste entgegen. Je weiter die geschlecht-liche Reife sich entwickelt, desto mehr muß dem Mädchen, damit es sich selbst verstehenlerne, vor Beängstigungen bewahrt bleibe und bei den im allgemeinen stets gefährlichenKrisen, welche es bis zur vollen Pubertät durchzumachen hat, selbst die nöthige Vor-sicht anwende, ein gewisser Aufschluß über die Bestimmung des Weibesund über den weiblichen Organismus gegeben werden. Daß dieser Auf-schluß in einer ausführlichen Vorlesung über alle geschlechtlichen Beziehungen und überdas Ganze der Ehe bestehe, wie Campe in seinem sonst viel gutes enthaltenden Buche:(„Väterlicher Rath für meine Tochter") in dem Capitel über Schamhaftigkeit undKeuschheit S. 117 f. seiner Tochter eine solche hält und sie für nothwendig erklärt,scheint ganz verfehlt. Wenn Campe die NothWendigkeit, dem jungen Mädchen stattdunkler Andeutungen eine bündige und klare Unterweisung in den Mysterien desGeschlechtslebens zu geben, dadurch rechtfertigen will, daß kein vernünftiger Menscheine junge Köchin nur durch geheimnißvolle Winke über die gefährliche Anwendung desSchierlings unterrichten werde, sondern daß es das allein Verständige sei, ihr zu sagen,was Schierling sei, und ihr zu zeigen, woran man ihn erkenne, so hinkt eben dieserganze Vergleich. Es handelt sich hier nicht um Schierling, der allezeit ein Gift undzur Speise des Menschen überhaupt nicht bestimmt ist, sondern um eine göttliche Ord-nung der Natur, welche, wie jede andere, misbrancht und in Unheil verwandelt werdenkann. Aber etwas anderes ist es, ans welche Weise dem Menschen der Jsisschleierder Natur gehoben werden solle. Es ist klar, daß über den eigentlichen Vorgang derZeugung nur in einer Form geredet werden kann ohne das sittliche Gefühlzu verletzen: in der Form der Wissenschaft. Da diese dem jungen Mädchenunzugänglich ist, so kann überhaupt gar nicht mit ihm der Gegenstand besprochenwerden, denn eben das Wort selbst ist eine Profanation dessen, was die Natur in einheiliges Dunkel gehüllt und sich selbst Vorbehalten hat, den Menschen zu lehren. Amwenigsten könnte der Vater eine solche Aufklärung geben. In der That kann sie auchgar nicht gegeben werden. Man lese die Campesche Auseinandersetzung und frage sich,ob die Neugier des Mädchens, der man von der „vertrauten und geheimen ehelichenUmarmung, während welcher auf eine höchst wundervolle Weise der zarte Menschcnkeimin dem Körper der Gattin von dem Gatten befruchtet werde," erzählt hat, wirklich be-friedigt und nicht vielmehr auf die gefährlichste Weise geweckt und auf Dinge gewaltsamhingewiesen worden ist, die ihm sonst ganz fern gelegen haben würden. Das ganze Redenvon Keuschheit und Schamhaftigkeit ist gegenüber dem jungen Mädchen, welches im übrigenin der rechten Zucht gehalten worden, völlig überflüssig und geradezu gefährlich, denndiese Begriffe regen allezeit Gedanken und Vorstellungen in dem jugendlichen Gemüthe