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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Mädchcnerzichnng.

jenigen Mädchen ganz fremd bleiben muß, Welches nur in der idealen Sphäre geistigerThätigkeiten verharrt. Madame Necker de Sanssure erwähnt, daß aus diesem GrundeMädchen der unteren Stände im Alter von 10 bis 13 Jahren umsichtiger und tüchtigersind, als Mädchen desselben Alters in den höheren Ständen. Sodann wird dieserGegensatz des idealen und praktischen Lebens selbst, der bei dem HeranwachsendenMädchen eine so große Rolle spielt, durch die Bekanntschaft mit dem Hauswesen unddurch die Thätigkeit für dasselbe sehr erheblich gemildert. In seinen Spielen und imUnterrichte ganz auf die rein geistige Seite des Daseins gewiesen, von einer leichterregbaren Phantasie und von dunklen Empfindungen tief innerlich bewegt, ist dasjunge Mädchen zur Zeit der sich ankündigenden Jungfräulichkeit, welche ihr die Berech-tigung giebt, in die Welt der Realität einzutreten, leicht geneigt an die Stelle dergesunden Wirklichkeit, nach welcher sie sich sehnt, die Phantasiegebilde zu setzen,die sie im Stillen genährt hat, und allen Gefahren des vollen, sich selbst nicht ver-ständlichen Herzens zu verfallen. Nichts kann jener Verkehrtheit des Sinnes, in welchersich der geheime Durst nach den realen Genüssen des Lebens aus die wunderlichsteWeise mit den idealen Ansprüchen einer im stillen wuchernden Phantasie zu mischenpflegt, so erfolgreich entgegenwirken, als die feste häusliche Lebensordnnng und dieGewohnheit der häuslichen Arbeit, die den Blick unverrückt ans die Wirklichkeit gerichteterhält, dem unklaren Gemüthe immer die letzten Zwecke des weiblichen Daseins zeigtund, wie alle Arbeit, durch Stärkung der Willenskraft in das geistige Leben einensittlichen Halt bringt. Was das Gcmüthsleben des jungen Mädchens betrifft, sodarf die Wärme und Zartheit des Gefühles, welche diesem Lebensalter eigenthümlichist, nicht erkältet und abgestumpft, freilich ebensowenig überreizt und überspannt werden.Es gilt, die köstliche Empfänglichkeit des Weiblichen Gemüthes zu schonen und sie dochvor jenen Ausartungen zu bewahren, welche so oft das Unglück der Frauen sind. Denrechten Weg, diese schwierige Aufgabe zn lösen, findet die Liebe allein. Sie alleinweiß der jugendlichen Begeisterung, den offenen und darum nicht selten ungehörigenAusbrüchen des bewegten Herzens jenen richtigen Widerstand entgegen zu setzen, welcherdie Theilnahme nicht verbirgt, das Gemüth des jungen Mädchens nicht verwundet unddoch auch die vorliegende Verkehrtheit bemerklich macht. Wird das jugendliche Herzdurch Unfreundlichkeit und Kälte, Wohl gar durch Ironie zurückgeschreckt, so ist dasGelingen der weiblichen Erziehung auf das ernstlichste bedroht. Wir berauben unsdann aller jener Symptome, welche die stillen Krankheiten des Herzens erkennen lassen(vrgl. Hanna Moor a. a. O. S. 52) und leiten das Mädchen an, sich in sich selbst,in jene Verschlossenheit des Gemüthslebens zurückzuziehen, die dem Charakter so ge-fährlich ist und schließlich zur Heuchelei führt. Und so hat auch die List, die Schlau-heit, die Jntrigue, welche an dem Weibe so oft getadelt worden, Wo sie sich imCharakter des jungen Mädchens zeigt, fast immer ihren letzten Grund in der Härte,die den natürlichen Aeußerungen ihres Wesens entgegengesetzt worden ist. Wollen wirdurch unbesonnene Zornausbrüche die Offenheit tödten, so vernichten wir die Wahrheit,deren Ausdruck sie ist. So fern als dem weiblichen Wesen selbst Leidenschaft und Zornbleiben soll, so fern sollte auch die Behandlung des weiblichen Lebens von leidenschäftlichemZorne bleiben. Auch das Mädchen soll, wo es fehlt, mit Ernst auf sein Unrecht gewiesenwerden und im allgemeinen ist die altväterische Strenge früherer Zeit heilsamer als dieWeichlichkeit unserer Tage, aber immer sollte es nur den edlen und würdigen sittlichenZorn kennen lernen, und immer sollte sich derselbe nur auf das wirklich Unsittlicherichten. Dem weiblichen Leben, welches so vielfach mehr durch Gewohnheit als durchGesetz bestimmt wird, liegt die Gefahr sehr nahe, das Ungeschickte für eben so tadelns-werth zu halten als das Unrechte. Lehren wir das junge Mädchen, das erstere zumeiden, aber lehren wir es auch, einen Unterschied zu machen, zwischen Verstößen derForm, zwischen verzeihlichen Fehlern und eigentlichen Vergehen. So sehr die natürlicheOffenheit geschont werden und so leidenschaftslos die Zurechtweisung bleiben muß, so