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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Mädchcnerziehung.

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cip gegen ihn nichts einzuwenden. Wenn er dagegen die geistige Bildung der Mäd-chen nicht der Schule, sondern dem Unterrichte der Mutter anvertranen will, so liegtzwar darin eine zwiefache Verkennung dessen, was die Schule vermag, und dessen, wasdas Haus in den meisten Fällen nicht vermag; aber ein Widerspruch gegen seine eige-nen Grundforderungen liegt nicht vor, eher eine Jdealisirung derselben, die der Wirk-lichkeit nicht entspricht. Wo das Haus so frei von den äußern Bedingungen des Lebensist, daß es den Aufgaben der Erziehung ganz leben kann, wo Vater und Mutter selbsteiner wahren Bildung sich erfreuen, da ist die Naumersche Idee, daß die Töchter nurvon der Mutter unterrichtet werden sollen, keineswegs unausführbar, wie sie ja invielen Familien in England und vereinzelt auch in Deutschland in der That ausgeführtwird. Aber eine solche Stellung des Hauses ist nicht nur die Ausnahme, sondernsie soll es sein. Eine Familie, die ganz nur sich selbst lebt, hört auf in jenen: leben-digen Zusammenhänge mit dem Volke zu stehen, der dem Hause immer neue sittlicheund geistige Lebenskräfte zuführt. Und so kommt ja Raumer selbst schon auf die auseinem Verein von Müttern gebildete Mädchenschule. Der Jrrthum Räumers bestehtvielmehr hauptsächlich in der Ausschließung des schulmäßigen und damit des männ-lichen Unterrichtes. Im übrigen sind seine Ansichten aller Aufmerksamkeit Werth.Er hat Ernst gemacht mit der Forderung, die schon Schleiermacher aufgestellt und aufwelche dieser den ganzen Unterschied der Mädchenschule von der Knabenschule basirt hat,daß der Unterricht und die Disciplin der Mädchenschule den Charakter der Fami-lien!) aftigkeit bewahren müße, eine Forderung, welcher in den meisten höhcrn undniedern Mädchenschulen kaum annäherungsweise erfüllt wird. Ueberhaupt aber liegt derNaumerschen Idee die Wahrheit zu Grunde, daß ein Mädchen nur dasjenige vonallem, was sie lernt, sich innerlich aneignen und für ihre geistige Bildung wirklichverwerthen kann, wofür sie die Resonanz in der Familie findet. Nun aber gehörtRaumer auch zu denen, welche mit Nachdruck die Wichtigkeit der Gemüthsbildungund insbesondere der religiösen Erziehung für das weibliche Geschlecht betonthaben. Die Ansicht, das Weib müße zur Frömmigkeit erzogen werden, istin unseren Tagen so oft wiederholt worden, daß darüber gewißermaßen ein stillschwei-gendes Uebcrcinkommen zu herrschen scheint. Indessen ist weder eine wesentliche

Aenderung in der Erziehung und dem Unterrichte der Mädchen nach dieser Seite hin

bisher warzunchmen, noch liegt die Sache so einfach, wie sie gewöhnlich genommenwird. Denn wenn auf evangelisch-christlichem Standpuncte überhaupt so geurtheiltwerden muß, daß Frömmigkeit der Anfang und das Ziel aller wahren Bildung ist, sodaß ohne Religiosität eine kernhafte und den ganzen Menschen innerlich befreiende,reinigende und in seiner Umgebung orientirende Bildung gar nicht gedacht werden kann;so gehört dies zu den Voraussetzungen, welche sowohl für das eine, wie für das andereGeschlecht gelten. Es scheint also, wenn über weibliche Bildung in: Unterschiede von

männlicher die Rede ist, der Erwähnung nicht mehr zu bedürfen, daß auch jene, wie

diese, ihre tiefste Wurzel in der Frömmigkeit haben müße, da sich dies schon von selbstversteht. Es scheint auch gerade in dieser Beziehung um so weniger zulässig, einen Unter-schied zwischen den Geschlechtern zu machen, da die h. Schrift einen solchen nicht kenntund überall, wo es sich um die Erlösungsbedürftigkeit und Erlösungsfähigkeit handelt,das gesammte Menschengeschlecht auf eine gleiche Stufe stellt. Wenn nun gesagt wird,daß die Mädchenbildung vorzugsweise eine religiöse sein soll, so entsteht die bedenk-liche Frage, ob dadurch nicht ein Unterschied zwischen den Geschlechtern gesetzt wird, der,weil er gerade die höchsten Angelegenheiten des Menschen betrifft, die Gleichberechtigungder Geschlechter aufhebt. Bedarf das Weib der Religion mehr als der Mann, weil eintieferer Defect in der weiblichen Natur oder eine größere Schwachheit derselben durchdie größere Intensität des religiösen Lebens ausgeglichen werden muß, so wird offenbardem Manne eine höhere sittliche Qualität zugeschrieben, und wir treten aufdenStand-punct des heidnischen AlterthumS zurück. Bedarf das Weib aber einer tieferen Religio-