500 Mädchenerziehung.
hohen Werth legt, das Band der Herzen nur noch reicher und dadurch inniger undWärmer und fester macht.
Es darf also die Forderung, daß die Häuslichkeit zum Ausgangs- und Zielpunctegemacht werde, recht erwogen, in der That die Bedeutung eines Principes fürdiese ganze Seite der Erziehung in Anspruch nehmen. Die bessern neuern Schriftenüber den Gegenstand kommen fast durchgängig auf das Resultat hinaus, daß die Mädchenzur Häuslichkeit und zur geistigen Bildung geführt werden sollen, ohne doch Artund Grenze dieser geistigen Bildung mit Sicherheit anzudeuten. Aber dieses Resultatist ein Pleonasmus; das Haus fordert eben schon die Bildung, denn es soll die Bil-dung des Volkes hüten und in dem Begriffe der rechten Häuslichkeit ist schon jenesInteresse an den geistigen Objecten menschlicher Entwicklung gesetzt, welches den Gebil-deten vom Ungebildeten unterscheidet. Eine ungebildete Frau kann daher niemals derrechte lebendige Mittelpunct eines Hauswesens werden; sie kann dem Manne jenesVerständnis für seine Bestrebungen nicht entgegenbringen, welches er eben auch imHause bedarf, wenn er freudig wirken soll; sie kann den Kindern nicht eine sichereFührerin in den mannichfachen Irrgänger: des Herzens und Geistes werden und wirdalso auch in ihrem mütterlich en Wirken durch den Mangel der Bildung beeinträchtigtund gehindert. Und wenn Vinet (a. a. O. S. 18) die Frage, aus welchen Elementendie weibliche Bildung bestehen solle, ihrer Schwierigkeit wegen lieber ganz unbeant-wortet läßt, und, wie eben auch andre, nur auf die empfundene Nothwendigkeiteiner solchen sich beruft, wenn er (a. a. O. S. 27) es für unzureichend hält, demGeiste der Mädchen eine gute Form und gute Gewohnheiten zu geben, und wenn ervielmehr ein „gewißes Grundcapital, eine gewiße Anzahl von Begriffen, in deren Besitzder Geist gesetzt werden muß", fordert; so ergiebt sich, wie oben gezeigt, aus der rechtenethischen Würdigung des Hauses, worin dieses Grundcapital bestehe. Wirdaber der Begriff der Häuslichkeit in solcher Enge gefaßt, daß darunter nur die Arbeitfür den Haushalt verstanden werden soll, so wird nicht nur das Weib dem Mannegegenüber auf eine unzulässige Weise herabgesetzt, sondern auch in der Sache selbst, wiegezeigt worden, etwas unmögliches gefordert, denn auch zur tüchtigen Führung desHaushaltes gehört Bildung. Die einseitige Beschränkung der weiblichen Thätigkeit aufdiese Sphäre der Wirtschaftlichkeit müßte nothwendig einen Druck auf die Bildungdes Volkes überhaupt üben, da sie die idealen Momente des Lebens unterschätzt undeinem einseitigen Realismus huldigt. Uebrigens darf nicht verkannt werden, daß unterden irrigen Ansichten über weibliche Erziehung die in Rede stehende die unschädlichsteist, der unter Umständen sogar ihr Werk auf überraschende Weise gelingen kann. Sieweiset doch immer das Mädchen in die richtige Sphäre des Hauses und ihr Mangelbesteht nicht darin, daß sie einen verkehrten Weg einschlägt, sondern darin, daß sie deneingeschlagenen Weg nicht bis zu dem rechten Ziele verfolgt. Wenn, wie in dem Epi-taphium jener Römerin die Summe eines Frauenlebens sich in die Worte zusammen-fassen laßt: „llonri ruansit, lanaru lernt", so erfüllt uns das mit gerechter Wehmuthdarüber, daß es Zeiten geben konnte, in denen das bessere Theil weiblicher Kraft sobrach liegen mußte; aber wir blicken mit Achtung auf ein solches Leben, welches, auchohne die geistige Erhebung der Bildung, doch stark genug war, die sittliche Schranke,in welche die Natur das Weib gewiesen hat, festzuhalten.
Die Familienhaftigkeit alles weiblichen Lebens haben in neuerer Zeit Riehl vomsocialen, Karl von Raumer (im 3. Bd. 2. Absch. seiner Geschichte der Pädagogik,in der Abhandlung: „Erziehung der Mädchen") vom pädagogischen Standpuncte auskräftig hervorgehoben. Dem letzteren ist heftiger als nöthig war widersprochen worden.Da auch ihm die bloß „haushälterische" Erziehung der Mädchen nicht genügt, und erneben dieser eine gediegene geistige Bildung fordert, weil er sehr gut weiß, daß „beidem Mangel derselben in dem Mädchen ein unnützes, ja wahrhaft seelenverderblichesInteresse an ganz nichtigen, eitlen Dingen nothwendig erwachen muß," so ist imPrin-