Druckschrift 
4 (1865) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
495
Einzelbild herunterladen
 

Mädchenerziehung.

495

Zeit mehr als einmal geradezu die Mahnung ausgesprochen worden, daß man dieMädchen für die Ehe, ja daß man sie zur Liebe erziehen solle. Die Bestimmungdes Weibes wird in der Ehe gesucht, und ans diese alles bezogen, was für die Mäd-chen gethan wird. Aber auch in diesem Gedanken liegt eine entschiedene Unklarheit undeine geringschätzige Ansicht von dem weiblichen Wesen. Wenn man, wie oft geschehen,den weiblichen Beruf unter dem dreifachen Gesichtspuncte der Haushälterin, der Gattinund der Mutter auffaßt, so übersieht man, daß der zweite Gesichtspnnct den beidenandern durchaus nicht coordinirt werden kann. Die Ehe ist nur die volle Realität desvon Gott geordneten Verhältnisses der Geschlechter zu einander. Für dieses Verhältnisgiebt es daher nur die Leiden Grundbedingungen, daß das Weib zur wahren Weib-lichkeit, der Mann zur wahren Männlichkeit gereift und respective erzogen sei. DieGattin.ist nur das ehelich gewordene, d. h. zur vollen Realität der Geschlechtsbezie-hung geführte Weib, und ihre Pflichten bestehen eben darin, die ganze Fülle wahrerWeiblichkeit in diesem Verhältnisse zu entwickeln. Daher giebt es in Wahrheit keineErziehung zur Ehe, sondern nur eine zur echten Weiblichkeit. Ist diese vorhanden, sowird sie sich auch in der Ehe bewähren. Wird aber die Erziehung mit bestimmterRücksicht auf die Ehe geleitet, so muß dies nothwendig eine Menge von abgeschmacktenMaximen erzeugen, welche am sichersten dahin führen, die Ehe innerlich zu erkälten,sie leer und langweilig zu machen. Nicht nur geht von vorn herein die tiefe Unmittel-barkeit des Gefühles verloren, welche für den Mann der edelste Schatz im Herzen seinesWeibes ist, nicht nur tritt an die Stelle der unbewußten Wahrheit und Sicherheitdieses Gefühles der bewußte Gedanke, sondern es entwickelt sich auch eine höchst gefährlicheAbstraction in der Ansicht von dem, was für die Pflicht und die Tugend der Frauen gehal-ten werden müße. Denn es werden dann gewiße Forderungen wie die der Nachgiebigkeit,der Milde, der Freundlichkeit an die Spitze von allem gestellt, was die Frau dem Manneschuldig sei. Aber sobald diese in reflectirter Absichtlichkeit geübt werden, hören sie auf,das zu sein und zu wirken, was sie sein und wirken sollen. Sie sind aus der Totalitätdes weiblichen Wesens herausgehoben als etwas besonderes, wollen für sich etwas gelten,und werden, wenn es im Herzen sonst nicht recht bestellt ist, Wohl gar dazu angewen-det, dem natürlichen uud gottgeordneten Uebergewichte des männlichen Willens in un-lauterer Weise entgegen zu wirken. So dringt in die Ehe die gemachte, mit Bewußt-sein geübte Sentimentalität hinein, welche der Tod des reinen Gefühls ist. Ja so wirdschon in das Mädchen, dem Manne gegenüber, ein Zug von Absichtlichkeit gepflanzt,der den zarten Blumenstaub echter Jungfräulichkeit nothwendig von der Seele abstreift.Für die Ehe zu erziehen ist schon darum ein vergebliches Unternehmen, weil niemandden Charakter des künftigen Gatten, und also niemand die specielle Aufgabe, welchedie concrete Gestaltung der Ehe dem Weibe stellen wird, kennt. Für die Ehe erziehenkann niemand als der Gatte selbst. Und so faßten auch die Alten das Verhältnis desMannes zum Weibe auf, sie sahen in dem Manne den Erzieher seines Weibes.Empfiehlt doch eben darum Renophon (m seinem Büchlein vom Hauswesen), daß derMann ein junges Mädchen zur Ehe nähme, dem noch die nöthige Weichheit undBildsamkeit des Gemüthes beiwohne, um sich ganz in des Mannes Weise zu schicken.Und wenn vom christlichen Standpuncte allerdings gegen diese einseitige Erziehung desWeibes durch den Mann Einspruch erhoben werden muß, da ja auch der Mann sichden Einwirkungen des Weibes auf Herz und Gemüth nicht entziehen kann und soll,so bleibt doch ein bedeutendes Uebergewicht der in Rede stehenden Wirkung auf derSeite des Mannes; und da sich das männliche Princip zum weiblichen verhält, wieCharakter zu Gemüth, so kann in der That gesagt werden, daß die Einwirkung desMannes mehr eine erziehende, die des Weibes mehr eine bildende ist. Aber es gehörtzu jenem erziehenden und diesem bildenden Einflüsse eben nur, daß der Mann eben einMann und das Weib eben ein Weib sei im vollen Sinne des Worts. Immer wirddie Ehe gerade so, wie die keimende Liebe, als der Ausdruck der unmittelbaren Beziehung