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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Mädchcnerzichung.

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Von der ersten Art ist die am weitesten verbreitete Verirrung diejenige, welche dasweibliche Geschlecht in absoluter Unterscheidung von dem männlichen als das geringere,das niedriger stehende ansieht. Wir können sie die antike nennen; denn was in derSokratischen Schule für die Gleichberechtigung der Frauen gesagt worden ist, hat keinenWeg aus der philosophischen Doctrin ins Leben gesunden. Diese Ansicht macht dasWeib zur Sklavin nach dem scheinbaren Rechte der Natur. Denn sie geht aus vonder äußeren Natur, von der sichtbaren Schwäche des weiblichen Organismus, die baldauch als Symbol für sittliche und intellectuelle Unreife, Unvollkommenheit und Untüch-tigkeit genommen wird. Bei den Orientalen gilt das Weib und das Kind gleich, beideMßen geleitet und gehütet werden, beiden ist kein selbständiger Wirkungskreis anzuver-trauen, die Unmündigkeit ist ihr gemeinschaftlicher Charakter. Wenn sich in den gestei-gerten Culturzuständen Griechenlands und Noms, vornehmlich in dem letzteren, diehöhere Berechtigung der weiblichen Natur mannigfache Anerkennung erwirbt, undmanche edle Seite derselben in hervorragender Weise geltend macht, so bleibt doch, wienamentlich die Rechtsverhältnisse darthnn, das Weib principiell auch hier noch in jenerAbhängigkeit, welche das Recht der freien Persönlichkeit ausschließt. Was den römi-schen Frauen eine höhere und ehrwürdigere Stellung giebt, ist nicht eine ethische Wür-digung des Geschlechtsverhältnisses, sondern umgekehrt die Rückwirkung der sittlichenEnergie, mit welcher die Römer die Bedeutung des Familienznsammenhanges erfaßt,auf die Stellung der Frau, die als Mutter, als Repräsentantin des natürlichen Fami-lienbandes erscheint. Wie wenig der römische Volksgeist jemals im Stande gewesenist, sich zur Anerkennung der vollen Persönlichkeit des Weibes zu erheben, das lehrtbesonders ein vergleichender Blick auf die Stellung, welche die Frauen unter denchristianisirten Römern und den heidnischen Germanen einnahmen. Denn in der römi-schen Welt half es den Frauen nichts, daß sie dem Evangelium ihre Herzen geöffnet,daß sie dieselbe Glaubenskraft, oft eine innigere, dieselbe sittliche Strenge, oft einegrößere, als die Männer, in ihrem Wandel bewiesen, daß ihrer viele den Märtyrer-tod erduldet hatten und den Heiligen zugezählt worden waren. Ihre Lebensstellung,die sittliche und rechtliche Ansicht über das Weib blieb in der römischen Welt immerdieselbe. Das Weib galt immerfort für das besondere Gefäß der Schwäche und Sünd-haftigkeit, es stand nach antiker Anschauung an sittlicher und religiöser Potenz tief unterdem Manne, und der Coelibat, der so frühzeitig von den eigentlich Heiligen gefordertwurde, basirte zuletzt auf dieser antik-heidnischen Geringschätzung des Weibes. Wieanders bei den Germanen, bei denen von vorn herein das weibliche Geschlecht alssolches eine Achtung genießt, die als ein ganz neues culturgeschichtliches Moment er-scheint ! Gerade die weichere und schwächere Natur des weiblichen Organismus ist es,an welche sich bei den Germanen die höhere Würdigung des Weibes anschließt; dennsie wird als feinere geistige Disposition, nicht als ein Mangel also, sondern als einVorzug angesehen. Und so wirkt überall bis auf den heutigen Tag auch die nationaleBefähigung, die ethische Bedeutung der Natnrverhältnisse zu würdigen, auf die Ansichtüber das weibliche Geschlecht und auf die Stellung desselben mit. Aber wie wir sobei den Germanen ein tieferes Verständnis der Weiblichkeit finden, welches auf reinnatürlichem, nationalem Boden sich entfaltet, und welches eben darum durchaus nochnicht mit der christlich ethischen Anschauung des Gefchlechtsverhältnisses zu identificirenist, so zieht sich auch die antike Geringschätzung des Weibes noch bis in unsere Zeitenhinein als eine Seite des Paganismus, die noch nicht überwunden ist.

Natürlich haben sich die Formen geändert, in denen diese Grundanschanung sichin unfern Tagen ausspricht. In trivialster Weise tritt sie uns unendlich oft in dernaiven Frage entgegen, was denn ein Mädchen zn lernen brauche, in dem ironischenSeitenblicke auf die Bemühungen, welche die neuere Zeit der weiblichen Erziehung zu-wendet, und welche zum größten Theile als ein sehr entbehrlicher Luxus, wenn nichtgar als absolute Verkehrtheit angesehen werden. Man geht nicht so weit, den Weib-