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Mädchcnerzichung.
schlungcn und mannichfaltig erscheint, daß eben dadurch jedes Geschlecht dem andernein Geheimnis, ein Jncommensurables bleibt, welches nur durch ein anderes Jncom-mensurables, durch das Geheimnis der Liebe, zum vollen Verständnis gebrachtwerden kann.
Hierin liegt schon die Andeutung, daß auch die wissenschaftlichen Bestimmungender Geschlcchtsdifferenz nicht bloß der Psychologie entnommen werden können, sonderndaß es die Ethik ist, welche diesen Unterschied in seiner geistigen Bedeutung zu ent-wickeln hat. „Für den Menschen ist es charakteristisch, daß für ihn dieser natürlicheUnterschied eine geistige Gestalt annimmt, daß er zu einem Gliede wird in dem freiensittlichen Organismus, und dies ist nur dadurch möglich, daß die geschlechtlich bestimm-ten Individuen trotz ihres Wesentlichen Gegensatzes die identische geistige Allgemeinheitin sich tragen, sich selbst bestimmende persönliche Wesen sind." „Die Individuen sindfür einander nicht bloß Exemplare verschiedenen Geschlechts, sondern Personen mitgeistiger Eigcnthümlichkeit, die einander als solche anerkennen, und die in ihrer gegen-seitigen Beziehung ihres persönlichen Werthes gewiß sind." (v. Schalter: Das Seelen-leben des Menschen, 1860. S. 192.) Diese Erkenntnis der gleichen persönlichenBerechtigung beider Geschlechter, mit welcher die volle sittliche Gestalt der Ehe unddie Einsicht, daß erst in der Vereinigung beider Geschlechter die volle Menschlichkeit sichdarstelle, gegeben ist, gehört aber durchaus der christlichen Lebensanschauung an und istein integrirender Theil der heilsamen Wahrheit, welche der Welt in Jesu Christo auf-gegangen ist. Daß das weibliche Geschlecht erst durch das Christenthum ans eine höhereStufe des geistigen und sittlichen Lebens erhoben worden, ist in neuerer Zeit lebendigerals jemals erkannt und oft wiederholt worden. In der That ist es merkwürdig, wiedas Neue Testament auch in dieser Beziehung nicht nur über die zum Theil sehr edleAuffassung der weiblichen Natur, die wir bei den griechischen Dichtern, namentlich auchschon bei Homer, finden, sondern auch über die durch Tiefe und Wahrheit oft über-raschende und schwungreiche Würdigung echter Weiblichkeit (vgl. das Lob eines tugend-samen Weibes, Proverb. 31), der wir im A. Test, begegnen, mit einem Schlage weithinausgreift und in einfachen Zügen ein Bild weiblicher Holdseligkeit entwirft, deralles Weichen muß, was vorher oder nachher als weibliche Tugend gekannt und ge-priesen worden. Hier, wo die Töchter mit den Söhnen gleichzeitig weissagen, wo keinMann und kein Weib, wie kein Grieche und kein Jude mehr ist, Wo alle Unterschiededer Natur vor der allgemein menschlichen Sündhaftigkeit und der allgemein menschlichenBerufung znm Heile verschwinden, hier ist mit einer Entschiedenheit, die keinen Zweifelgestattet, das Axiom gegeben, daß die höchsten Rechte der sittlichen Persönlichkeit beidenGeschlechtern gemeinsame sind. Aber in diesem Axiome ist die christlich-ethische An-schauung von dem Verhältnis der Geschlechter nicht erschöpft. Das Christenthumerkennt in diesem Verhältnisse eine Natnrbestimmtheit, welche den Charakter göttlicherBestimmung trägt, und es kann schon darum diese Naturbestimmtheit nicht geringschätzen oder übersehen. Vielmehr ist es gerade das Eigenthümliche der aus demChristenthume hervorgegangenen Würdigung dieses Verhältnisses, daß sic den Unterschiedder Geschlechter ebenso entschieden, wie die persönliche Gleichberechtigung derselbenbetont. Es gilt, die körperliche und geistige Begabung, welche den Gcschlechtscharakterdes Mannes und des Weibes bilden, als göttliche Ordnung zu erkennen, in der rechtenWeise zu entwickeln und so für das Individuum selbst wie für das Gesammtleben derMenschheit heilsam werden zu lassen.
Es ist ersichtlich, daß alle verschiedenen Ansichten über das Wesen der Weiblichkeitund demgemäß über die Aufgabe der Mädchenbildung an diesen beiden Momenten derchristlich-ethischen Grundanschaunng des Geschlechtscharakters ihr Correctiv haben. DieVerirrungen auf diesem Gebiete lassen sich unter die beiden Hauptkategorieen subsumiren,daß entweder in dem Gegensätze der Geschlechter die Identität der persönlichen Berech-tigung verkannt oder der Unterschied des Geschlechtscharakters übersehen wird.