Druckschrift 
4 (1865) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
487
Einzelbild herunterladen
 

Lykurg.

487

Besonders beliebt war die Pyrrhiche, ein Tanz in Waffen. Ein besonderes Fest derGymnopädien war für die Productionen der Jugend im Tanze bestimmt. Sie trugennatürlich viel zur Ausbildung eines edlen Geschmackes bei. Den Uebergang zumeigentlichen Kriegsdienst bildete der Dienst, welchen die Heranwachsenden Jünglingevom 18. bis 20. Jahre) für die öffentliche Sicherheit und Ordnung imLande zu versehen hatten. Dem spartanischen Staat drohte eine fortwährende Gefahrvon Seiten der großen Helotenmassc, die er doch nicht entbehren konnte. Die Helotenwurden daher wie Feinde angesehen und die Aufgabe jener Jünglinge war, sie zu be-aufsichtigen, zu bändigen und die gefährlichsten aus dem Wege zu räumen. DieserDienst ist unter dem Namen der Krypteia berüchtigt. Mit dem Eintritt des 20. Jahrstrat der Jüngling ins Heer; vollständig kam aber die Erziehung erst mit dem 30. Jahrezum Abschluß.

Die sittlich politische Tendenz der spartanischen Erziehung bestimmte ganz die Zieleder körperlichen Ausbildung. Aber diese nahm doch eine sehr bedeutende Ausdehnung an.Dagegen kann von einer besonderen intellectuellen Bildung kaum die Rede sein.Im Interesse des politischen Lebens wurde jedoch einiges gelernt und geübt, Was demSpartaner eine gewisse geistige Durchbildung verlieh und ihn befähigte, selbst dem wissen-schaftlich gebildeten Athener gegenüber sich nicht gedemüthigt zu fühlen, ja ihm inmanchen Stücken überlegen zu erscheinen. Freilich Lesen und Schreiben, worin wir dieElemente der Bildung zu erblicken gewohnt sind, brauchte der Spartaner nicht zu ver-stehen. Natürlich bewog das Bedürfnis der politischen Stellung, die sie einnahmen,viele, sich auch diese Fähigkeiten anzueignen. Aber, was für uns das Wichtigste ist,darauf beruhte kein Unterricht. Der Spartaner lernte nicht aus Büchern, sondern durchmündliche Mittheilung, und was er lernte, das lernte er auswendig. Dadurch wurdees ein feiner geistiger Besitz, den er sich selbst erworben hatte; was an der Menge desWissens fehlte, ersetzte die intensive Bedeutung jenes kleinen Besitzes reichlich. So lernteder Spartaner außer den sog. Lykurgischen Gesetzessprüchcn bedeutende Dichter-

Werke kennen, vor allem Homer, von dessen Epen er sicherlich einen großen Theilauswendig lernte. Dadurch allein schon nahm er eine Fülle von Anschauungen undGedanken in sich auf und erhielt zugleich Theil an der Grundlage aller hellenischenBildung. Ferner lernte der Spartaner elegische und melische Dichtungen, in welchenman eine Uebereinstimmung mit der Richtung des spartanischen Staates fand. Dahingehören die Dichtungen von Thaletes, Alkman und vor allem des zu aufopfernderVaterlandsliebe begeisternden Tyrtäos. Wahrscheinlich erlangte auch Pindar späterZutritt in Sparta. Dagegen blieben Dichtungen, welche dem Sinn der Spartanernicht entsprachen, streng ausgeschlossen, so namentlich die Erzeugnisse der dramatischenPoesie; ferner übte man Musik mit Vorliebe, freilich auch nicht um der Kunst willen,sondern weil man ihr einen hohen Einfluß ans die Sittlichkeit zuschrieb. Wie mächtigdie Töne ans die unverdorbene Natur der Spartaner einwirkten und wie eigenthümlichund verschieden die Wirkungen der verschiedenen Tonarten waren, können wir uns nurschwer begreiflich machen. Als im spartanischen Staat die Ordnung und Harmonieunter den Bürgern gestört war, rief man berühmte Musiker, den Terpander und späterden Thaletas, und ließ durch sie die Weisen festsetzen, die sog. dorische Tonartwelche den spartanischen Staatsprincipien entsprachen. Dieser ernsten, männlichen Musiktraute man auch einen großen Einfluß auf die Bildung der jugendlichen Gemüther zu.Unter den Instrumenten wurden Flöte und Kithara gebraucht, aber ohne die Besse-rungen, welche im übrigen Hellas allmählig Eingang fanden. Noch höheren Werthfür die Jugendbildnng hat der Gesang. In Sparta liebte man vorzugsweise Chor-gesänge, weil in ihnen eine größere Masse in die gleiche, auf harmonischer Seelen-stimmung beruhende Thätigkeit versetzt wurde. An Festen führten die verschiedenenAltersgenossen Wechselgesänge auf.

Wenn man alles dieses in Anschlag bringt, so wird man nicht sagen können, daß