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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Lykurg.

es dem Spartaner an Geschmacksbildung gefehlt habe. Aber der Geschmack fülltdarin ganz zusammen mit dem sittlichen Urtheil, schön und gut sind hier in der Praxisidentisch gewordene Begriffe. Doch würde der spartanischen Erziehung ein erheblicherMangel anhaften, wenn sie die Bildung der Urtheilslraft an sich gar nicht versuchthätte. Sie wäre auch in sich unmöglich geworden. Ein loses, fahriges Wesen desDenkens, Hin- und Herspringen der Gedanken, voreiliges lirtheilen, Breite des Ausdrucksund was dahin mehr gehört, läßt sich mit dem energischen einfachklaren Wesen desSpartiatenthums nicht zusammenreimen. Seine sittliche Strenge fordert auch eine ge-messene Zucht des Denkens. Sie hat der Spartaner in der That nicht versäumt.Ihm galt es, den Knaben schon daran zu gewöhnen, wenn er nrtheilen sollte, daß ervollständig gesammelt mit männlicher Entschiedenheit seine Meinung so ausspräche, daßauch seine Persönlichkeit in ihr wirklich zur Darstellung käme. Man strebte also nachConcentration des inneren Menschen in jedem Urtheil. Praktisch aber, wie der Spar-taner war, schrieb er nur den äußeren Ansdruck des inneren Vorgangs vor und ge-wöhnte den Knaben auf alle ihm vorgelegte Fragen in gedrängter Form eine gehaltvolleAntwort zn geben oder möglichst viel zu sagen in möglichst wenig Worten. Die übrigenHellenen bewunderten die stürze derlakonischen Rede." Andererseits steht es c^uchkeineswegs im Widerspruch mit dem Streben der Spartaner nach Würde, wenn sieden Witz liebten und bildeten. Denn in der witzigen Rede prägt sich eben die Kraftdes Geistes in ihrer vollen Sammlung aus, wenn sie sich wie das in SpartaGrundbedingung war ans sittlichem Boden hält; ja der Witz ist dann selbst einZeichen der Herrschaft, welche der Mensch über seine eigenen geistigen Kräfte erlangthat, und der Freiheit, die ihn über die Außenwelt emporhebt.

Kaum eine andere Erziehungsmethode dürfte sich so großer Erfolge rühmen, alsdiese spartanische, welche das Problem zu lösen suchte, den Menschen zum Bürger eineseigenthümlich gearteten Staates*) zu bilde». Sie hat ihren Zweck vollkommen erreicht,und durch sie hat der spartanische Staat Jahrhunderte lang sich in gleicher Kraft be-hauptet, gegen sie aber ist aus dem Innern des Spartiatenthums auch in so langerZeit keine Opposition erwachsen. Einen Grund für diese ihre große Wirksamkeit kannman Wohl in der Macht der Gewöhnung erblicken, welche die Spartaner sotrefflich zn nutzen verstanden; einen anderen in der mit Konsequenz durchgeführten Con-centration aller Kräfte auf ein einfaches, klares, praktisches Ziel; aber das Ge-heimnis ist noch tiefer zu suchen darin, daß die Spartaner wirklich allen in dem Men-schen liegenden Kräften und Neigungen, die ein Bedürfnis zur Ausbildung haben,innerhalb des herrschenden Staatsprincipes in naturgemäßer Weise zur Befriedigungverhalfen. Sie haben den ganzen natürlichen Menschen verstanden und die Mittelfür ihre Zwecke auch mit klugerVerwerthung seiner Schwächen ans diesem Verständnisvortrefflich gewählt. So enthält denn diese Erziehung in ihrer elementaren Einfachheiteinen Schatz pädagogischer Weisheit, aus dem man allezeit vieles lernen kann.

Noch ist einiges zu sagen über die Erziehung der Mädchen. Auf sie wurde inSparta mehr Gewicht gelegt, als in jedem anderen hellenischen Staate. Die Familiehatte dort eine edlere Bedeutung und ihr Mittelpunct war die Frau und Mutter. DieFrau stand in hoher Achtung; sie hieß ö-io-rotv«, Herrin (gleichbedeutend mit unsererFrau, Dame), und hatte einen gewissen Einfluß auf den Mann. Schon darum mußteeine gewisse Gleichmäßigkeit der Bildung beider Geschlechter erzielt werden. Aber freie,edle Männer konnten, meinte man, auch nur von edlen, kräftigen und wohlgesinntenMüttern stammen. Um dieses Berufes willen nahmen also auch die Mädchen, mitgewissen Beschränkungen natürlich, an der eigenthümlich spartanischen Erziehung Theil.Sittliche Gesinnung, Vaterlandsliebe und Bürgcrsinn sollte auch sie erfüllen. Der Um-

*) Vergessen darf mau aber nicht, daß auch dieser Staat nur von den Bürgern einer nichteinmal stark bevölkerten Stadt gebildet wurde.