464
Luther.
dem Herrn, findet er für die Eltern die Mahnung, daß sie nicht allein Eltern seinsollen nach dem Fleisch, wie die Heiden, sondern in dem Herrn. Darum hielt er dieKinder, bei deren Erziehung die Eltern gegen Gottes Gebot handeln, nicht für gebunden,ihren Eltern zu gehorchen. „Wo die Eltern so mürrisch sind, sagt er, und die Kinderweltlich ziehen, sollen die Kinder ihnen in keinem Gebote gehorsam sein. Denn Gottist in den ersten drei Geboten höher zu achten, denn die Eltern. Weltlich aber ziehen,heiße ich das, so sie lehren nicht mehr suchen, denn Lust, Ehre und Gut oder Gewaltdieser Welt." Er klagt darüber, daß viele allein darauf gedenken, daß sie die Kinderschmücken und machen, daß sie gesehen werden vor der Welt; bereiten ihnen Rcichthum,hangen den Drecksack Gold an den Hals. „Viele wollen große Herrn und reiche Junkerdraus ziehen und machen. Es geschieht aber gemeiniglich, daß großer Herrn Kinderselten Wohl gerathen. Die verderben ihre Kinder, die ihnen Anlaß geben, die Weltlieb zu haben, die nicht weiter für die Kinder sorgen, denn daß sie tapfer einhertreten,springen, tanzen und sich zieren können, den Leuten gefallen, ihre Begierden reizen,sich der Welt gleichstellen." Andererseits aber will er keineswegs, daß die Jugend aufmönchische Weise von der Welt abgesondert werde. „Salomon, sagt er, ist einrechter königlicher Schulmeister. Er verbeut der Jugend nicht, bei den Leuten zu seinoder fröhlich zu sein, wie die Mönche ihren Schülern; denn da werden eitel Hölzerund Klötze draus, wie denn auch Anselmus gesagt hat: Ein junger Mensch, so einge-spannet und von der Welt abgezogen, sei gleich wie einen feinen jungen Bamn, derFrucht tragen tonnte, in einen engen Tops pflanzen. Denn also haben die Möncheihre Jugend gefangen, wie man Vögel in die Bauer setzet, daß sie die Leute nichtsehen, noch hören mußten, mit niemand reden durften. Es ist aber der Jugend ge-fährlich, also allein zu sein, also gar von Leuten abgesondert zu sein. Darum sollman junge Leute lassen hören und sehen und allerlei erfahren; doch daß sie zur Zuchtund Ehren gehalten werden. Es ist nicht ausgerichtet mit solchem mönchischen Zwange.Es ist gut, daß ein junger Mensch viel bei den Leuten sei; doch daß er ehrlich zurRedlichkeit und Tugend gezogen und von Lastern abgehaltcn werde. Jungen Leutenist solcher tyrannischer mönchischer Zwang ganz schädlich und ist ihnen Freude und Er-götzen so hoch vonnöthen, wie ihnen Essen und Trinken ist; denn sie bleiben auch destoeher bei Gesundheit".
Den größten Werth aber legt L. darauf, daß die Eltern sich befleißigen, daßihre Kinder nicht böse, ärgerliche Exempel sehen und dadurch verletzt und verführtwerden. Denn die Jugend ist wie ein Zunder, der über die maßen leichtlich sähet,Was bös und ärgerlich ist. Insbesondere sündigen die schwer, die schandbare Wortereden vor jungen, unschuldigen Knaben und Mägdlein. Solche Leute werden schuldigaller Sünden, die da entspringen aus ihren unbedachtsamen Worten. Denn das zarteund unerfahrene Alter wird gar leichtlich mit solchen Reden beflecket, und was nochärger ist, es behält gar lange solche unflätige Worte; gleich als Wenn ein Fleck kommtin ein reines Tuch, der setzet sich viel fester darein, denn so er in ein grob und rauhTuch gekommen wäre. Hiefür beruft er sich ans die Erfahrung, die schon die Heidengemacht haben, unter Anführung der Worte des Horatius: Quo soviel ost imbutarooovs sorvabit oäororv llosta ckiu und der Stelle aus Juvenal: Äluxirna ckoboturxuoro rovorsntia. Mit gewichtigen Worten aber erinnert er vor allein an den Aus-spruch des Herrn: „Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben,dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehänget würde und er ersäufetwürde im Meer, da eS am tiefsten ist", und führt aus, wie die hier angedrohte Strafegenugsam beweise, wie groß die Sünde eines den Kindern gegebenen Aergcrnisses sei,da Gott selbst auf den Todtschlag keine leibliche größere Strafe gesetzt habe.
Luther klagt bitter, daß die Eltern ihre Pflicht nicht in der rechten Weise erfüllen.Niemand sei, der seine Kinder lasse recht beten und sie lehre die Stücke, so zur Selig-keit gehören. Er vergleicht solche Menschen, die ihre Kinder nicht lehren und unter-