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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Lorinser.

diesem Grunde wird der gegenwärtige Gymnasialunterricht ganz anders organisirt wer-den mäßen, als noch vor 100 bis 150 Jahren. Ein anderer Grund liegt aber darin,daß der Geist und Inhalt der Wissenschaften jetzt ganz anders geworden sind, als sienoch vor 100 Jahren waren nnd weil es denn doch die schließlich«: Anfgabe der Gym-nasien sein muß, die studirende Jugend in den bewährten Geist der Gegenwart-herein-znziehen, so bekommt auch dadurch das Studium deS klassischen Alterthums ein anderesVerhältnis zn dem letzten Zwecke der wissenschaftlichen Bildung, als es früher habenkonnte. Man denke nur an die Naturwissenschaften; zu welcher Tiefe nnd Bedeutungsie sich in den letzten drei Jahrhunderten entwickelt haben und welchen Einfluß sie aufdie Anschauung und Denkweise des gegenwärtigen Geschlechts ausüben! Wer sich diesemEinfluß entziehen wollte, der würde sich auch im Leben isoliren und diejenigen, die sichzu Leitern der Nation heranbildcn wollen, würden dereinst im Leben eine sehr kläglicheRolle spielen, wenn sie sich nicht mit den bewährten Resultaten der Naturwissenschaftenvertrant gemacht und sich dieselben zu einem Elemente ihrer geistigen Bildung gemachthätten. Gewiß würden daher die Gymnasien außerhalb ihrer Zeit stehen und gewisser-maßen in einen Winkel geschoben werden, wenn sic nicht auch auf die Naturwissenschaftendie gebührende Rücksicht nehmen wollten.

Diese und ähnliche Betrachtungen stehen aber mit dem Lorinserschen Streite in derengsten Verbindung. Denn dieser Streit, der aus der Klage über die Vielheit der Lehr-gegenstände und der Beschäftigungen in den Gymnasien entsprang, führte unmittelbarzu der Frage nach der Concentration des Gymnasialunterrichts, d. h. zu der Frage,wie dem Gymnasialunterrichte alles massenhafte und den Geist belastende zu nehmenund eine einfache aus dem Zwecke und Bedürfnis der wissenschaftlichen Bildung resnl-tirende Organisation zn geben sei. Es mußte zugegeben werden, daß auch in denpreußischen Gymnasien trotz der sorgfältigen Leitung, deren sich das Gymnasialwesenin Preußen erfreut hat, den Zeitbedürfnissen zwar im allgemeinen Rechnung getragenwar, daß aber gar vieles mehr neben einander lag, als in lebendiger Wechselwirkungstand. Es war aber ein unglücklicher Gedanke, wenn man, um die vorhandenen llebel-stände zu beseitigen, die modernen Elemente des Gymnasialunterrichts möglichst beseiti-gen und eine frühere Organisation der Gymnasien, die sich seit der Reformation etwazwei Jahrhunderte lang als zeitgemäß bewährt hatte, zurückrufen wollte. DaS war eineConcentration des höheren wissenschaftlichen Unterrichts nach rückwärts, während dierechte Concentration nach vorwärts geht und die in der Gegenwart liegenden berechtig-ten Tendenzen in einem einfachen und in sich begründeten Gesammtbilde zu fassen sucht.Als charakteristische Kennzeichen dieser retrograden Concentrationsbestrebungen sind zubetrachten: die stiefmütterliche Behandlung der Muttersprache und der deutschen Literaturso wie des naturwissenschaftlichen Unterrichts, endlich auch das Drängen auf confessionelleGymnasien, während das eigentlich Confessionelle der Allgemeinheit dieser Anstaltenwiderspricht, so nothwendig es ist, daß der allgemeine religiöse nnd sittliche Geist desChristenthums das Lebenselement ist, das sie athmen. Eine Folge von diesen retro-graden Bestrebungen besteht nun auch darin, daß die verachteten modernen Elementesich um so entschiedener in besonderen Anstalten eine Bildungsstätte suchten und errangenund den Anspruch machten, sich den Gymnasien ebenbürtig zur Seite zu stellen, ja sie zuüberflügeln. So ist man denn bereits so weit gekommen, daß man bei allem Bemühen,die Gymnasien zu concentriren, die Concentration des höheren Bildungswesens im all-gemeinen verloren hat, indem bei uns jetzt die Gymnasien, die Realschulen und sogardie Cadettenanstalten den gleichen Anspruch erheben, die höchste wissenschaftliche Vor-bildung zu geben, während man zu einem deutlich erkannten Ziele sonst doch nur einenWeg hat oder doch nur einen, der von allen der zweckmäßigste ist. Wenn alle diejenigen,die in allen Sphären des staatlichen und bürgerlichen Lebens die Leiter sein sollen,derselben allgemeinen Vorbildung bedürfen, d. h. desselben lebendigen Interesses für dasWahre und das Gute, desselben sittlichen Charakters, derselben Fähigkeit, klar, gründ-