Lorinscr.
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ja daß keiner die Weihe für Kunst und Wissenschaft wird erlangen können, der sich nichtin diese Musterwcrke einlebt. Daß aber keiner diese Werke recht verstehen wird, dernicht die Sprachen studirt, in denen sie geschrieben sind, und daß selbst schon das gram-matische Studium dieser logisch und phonetisch so vollendeten Sprachen den Geist schärftund den Boden zur Aufnahme der Ideen und Ideale fruchtbar macht, das ist schonso oft und so gründlich nachgewiesen, daß es hier um so weniger nochmals erörtertzu werden braucht, je weniger hier der Ort dazu ist. Diese Andeutungen sollten abernur dazu dienen, um die nnabweisliche Forderung zu begründen, daß das Studiumder alten Sprachen und einiger wohlgewähltcn Mustcrwerke ihrer Literatur die Grund-lage aller höheren wissenschaftlichen Bildung für alle Zeiten bleiben muß. Das ist daseine, was man, wie mir scheint, vor allem zu beachten hat, wenn man von einerzweckmäßigen Gestaltung der wissenschaftlichen Unterrichtsanstaltcn handeln will. Aberdas andere ist eben so wichtig. Der Geist der Menschheit schreitet fort von Stufe zuStufe, und wenn die Jugend jeder Weltperiode zu dem jcdesnialigen geistigen Stand-pnnct herangezogen werden soll, auf dem die bereits Gebildeten der Nation stehen, soists auch erforderlich, daß jenes Normalbildnngsmittel des Studiums des elastischenAlterthumS zu dem gesunden Geiste der Gegenwart immer wieder in das richtige Ver-hältnis gesetzt werde. Und wenn also das elastische Alterthum unabänderlich das wich-tigste Bildungsmittel in den höheren Schulen bleiben wird, so wird sich doch die Artund Weise, wie sein Studium betrieben wird, stets nach dem Geiste der Gegenwart zumodificiren haben. Wir sollen, indem wir die Griechen und die Römer studiren, nichtselbst zu Griechen und Römern werden, sondern zu Christen im echten Sinne desWorts und zu Männern, die der Idee des Deutschthums entsprechen, und darum müßcnin der Art und Weise, in der wir das elastische Alterthnm studiren, die Beziehungenschon zu erkennen sein zu dem, was wir in der Gegenwart werden sollen. Schon zurNeformationszeit setzte man in der Organisation der Gymnasien, die von Melanchthonund Sturm ausgieng, das elastische Alterthum in die innigste Beziehung zu dem neuerwachten evangelischen Christenthum und nahm auch von den sonstigen Wissenschaftenz. B. von der Mathematik und der Naturwissenschaft auf, was die Zeit nur irgendschätzenswerthes darbot. Gar viele in unserer Zeit möchten den Gymnasien dieselbeOrganisation ertheilen, die sie zur Neformationszeit wie von selbst annahmen, aber diesebringen in den Streit über die Gestaltung dieser Anstalten nur die größte Verwirrunghinein. Um nur eins anzuführen, so kann die lateinische Sprache hinsichtlich des prak-tischen Gebrauchs auf höheren Schulen niemals wieder dieselbe Stellung einnehmcn,die sie zur Zeit der Reformation und noch zwei Jahrhunderte später hatte. Damalswar die lateinische Sprache die Sprache der Wissenschaft, die Sprache der Kirche, dieSprache der Diplomatie; es war daher natürlich und nothwendig, daß jeder, der nachhöherer wissenschaftlicher Bildung strebte, auch der lateinischen Sprache sich bemächtigenund sich befähigen mußte, sic fließend und gewandt zu sprechen und zu schreiben. Eswar deshalb auch nothwendig, daß sich die Gymnasien die Aufgabe stellten, die latei-nische Sprache ihren Zöglingen gleichsam zur zweiten Muttersprache zu machen. Nunaber ist gegenwärtig die Muttersprache die wissenschaftliche Sprache geworden und alledie Uebuugen, die früher bloß zu dem Zwecke angestellt wurden, um die lateinischeSprache den Zöglingen zum Organ der praktischen Mittheilung des Gelernten undGewußten oder zur Neprodnction der gewonnenen Bildung zu machen, sind nunmehrüberflüssig geworden und in Wegfall zu bringen. Dagegen ist darauf hinzuarbeitcn,daß der Gymnasiast in den Geist der Muttersprache die gründlichste und umfassendsteEinsicht gewinne, was besonders auch durch das Studium einiger Meisterwerke ver-deutschen Literatur bewirkt wird, und daß er die deutsche Sprache in allen Verhältnissenruhig, gewandt und angemessen zu gebrauchen verstehe. Die allerfruchtbarste Uebungin der Muttersprache besteht aber darin, daß die in den alten Meisterwerken enthaltenenAnschauungen und Vorstellungen in der Muttersprache reproducirt werden. Schon ans