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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Lortnscr.

des Streits zu beruhigen. Schon nach oben hin konnte sich das blaue Buch keinenBeifall erwerben, vielmehr ergieng an den Minister Altenstein eine andere Cabinets-ordre, welche das elastische Studium beschränken, das Lateinischschreiben beseitigen undauf diese Weise die durch Lorinser als verderblich bezeichnte Vielheit vereinfachen wollte,die aber ohne praktische Wirkung blieb, da inzwischen der Regierungswechsel eintrat,mit dem andere Tendenzen zur Geltung kamen. Es darf aber wohl gesagt werden,daß der Streit auch jetzt noch keineswegs ausgefochten ist. Zwar insofern ist wohlschwerlich einer, der die Gymnasien genau kennt, der Meinung Lorinsers, als wenn dasMaß der Arbeiten, welche unseren Gymnasiasten zugemuthet werden, ihrer Gesundheitschade, aber ob diese Arbeiten alle auf den Endzweck der wissenschaftlichen Bildung be-rechnet und hiernach abgegrenzt sind, das wird noch vielfach bezweifelt und ist auchnoch zu bezweifeln. Der Lorinsersche Streit würde nicht so weite Dimensionen ange-nommen haben, als es wirklich geschehen ist, wenn die gegenwärtigen Gymnasien sichnicht immer noch in einer Krisis befänden, die nach einer Lösung verlangt. Die gegen-wärtige Organisation der Gymnasien ruht der Hauptsache nach darauf, daß das Stu-dium der alten Sprachen und der darin geschriebenen elastischen Meisterwerke dasHauptunterrichtsmittel darbietet, um der Jugend diejenige wissenschaftliche Bildung an-zueignen, die die leitenden Stände des Staats und Volkes bedürfen. Sollen wir vondieser Grundlage abgehen? Ein solcher Entschluß müßte nach meiner innersten Ueber-zeugung als ein Nationalunglück angesehen werden, ja es ist schon als ein Unglück an-zusehen, daß dieser Grundsatz, nach dem alle höhere Bildung vom elastischen Alterthumausgehen muß, jetzt nicht mehr allgemeine Anerkennung findet. Der einzelne Menschist ein Mikrokosmus von dem Makrokosmus der ganzen Menschheit, und die Entwick-lungsstadien der ganzen Menschheit wiederholen sich in der Entwicklung jedes einzelnentüchtigen Menschen, der nicht auf halbem Wege stehen bleibt. Daß aber in der Ent-wicklung der ganzen Menschheit die beiden alten Völker der Griechen und der RömerEpoche machen, wird von niemanden bezweifelt werden können, der sie kennt und studirthat. Die Principien alles Denkens, die einzig zum Ziele führenden Methoden derGedankenentwicklung, die große Kunst, die Gedanken gewandt, angemessen und ent-sprechend auszudrücken, die Kunst zu reden und zu schreiben, überhaupt die Kunst, dieIdeen zu individualisiren und das Allgemeine zu veranschaulichen, haben diese unsterb-lichen Völker so durch und durch erkannt und so meisterhaft geübt, daß sie für allenachfolgenden Geschlechter zum Muster dienen werden, besonders aber für die sich aus-bildende Jugend um der unaussprechlichen und unnachahmlichen Einfachheit, Anschau-lichkeit und Anmuth willen, in der sie ihre Ideen dargestellt haben. Was im Mittel-alter von wissenschaftlicher und von Kunstbildung vorhanden ist, das stützt sich auf daselastische Alterthum; die Reformation bildet auch um deswillen einen so hohen Glanz-punct in der Entwicklung der Menschheit, als die Rückkehr zum elastischen Alterthumeinen wesentlichen Factor derselben ausmacht, und der einzig große Aufschwung unsererdeutschen Wissenschaft und Kunst im vorigen Jahrhundert durch Lessing, Winckelmannund viele andere ist dadurch bedingt, daß man die ganze Kraft wieder auf das Studiumdes Alterthums verwandte. Die erste Erscheinung einer großen Idee ist immer auchdiejenige, an die jeder anknüpfen und von der jeder anfangen muß, der in sie eindrin-gen und sie sich zum Eigenthum machen will. Die Idee des idealen Lebens in Kunstund Wissenschaft ist aber von den Alten entdeckt und in so großartigen Musterwerkendargestellt worden, daß keiner in Kunst und Wissenschaft etwas großes wird leisten,

aber enthält diese Ministerialverfiigung so viele Ergebnisse reifer Erfahrung und Einsicht, daß sieauch uns genug beachtungswerthes bietet. Lorinsers Schrift ist vor kurzem neu aufgelegt wor-den; auch die Anlässe zu den Anklagen durch einzelne Fehler auf Seiten der Gymnasien undihrer Lehrer, wie die Misgrifse des Publicums in den Urtheilen über die Quellen des Nebelshaben wohl seitdem an verschiedenen Orten neue Auflagen erlebt und schwerlich die letzten.

D. Red.