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Locke.
in der Beschäftigung mit der heiligen Schrift, welcher er sich jetzt ausschließlich widmete,und deren Resultate uns zum Theil in den aus seinem Nachlasse veröffentlichten Para-phrasen der Briefe an die Römer, Korinther, Galater und Epheser vorliegen. Einenjungen Mann, der ihn nach dem sichersten Weg fragte, uni zur Einsicht in das Wesender christlichen Religion zu gelangen, verwies er auf das Studium der heiligen Schrift,insbesondere des Neuen Testamentes; denn sie habe Gott zum Verfasser, die Seligkeitzum Endzweck und Wahrheit ohne alle Beimischung von Jrrthnm zum Inhalt. Seit1703 wurden seine asthmatischen Beschwerden heftiger. Wenige Monate vor seinemTode empfieng er im häuslichen Kreise mit einigen Freunden das heilige Abendmahl.Am Tage seines Todes ließ er von Madame Masham aus den Psalmen sich vorlesen.Als er sein Ende nahen fühlte, bat er sie aufzuhören, und starb Wenige Minuten nach-her am 28. Oktober 1704. Seine Verehrerin schrieb an einen Freund: „Es wird vonInteresse für Sie sein zu erfahren, daß die letzte Scene von Lockes Leben nicht wenigerbewunderungswürdig war, als alles andere an ihm. Bis zu seinem Ende blieb er imvollen Besitz seiner geistigen Kräfte; aber die Krankheit, an welcher er starb, machte sostufenweise und sichtbare Fortschritte, daß gewiß wenig Menschen den Tod so deutlichherankommen sehen, als er. Dennoch war während dieser ganzen Zeit nicht die geringsteAenderung seiner Stimmung an ihm zu bemerken: immer liebreich, freundlich, mitthei-lend, bis zum letzten Tag, dachte er an alles, was seine Freunde angieug, und ließkeine passende Gelegenheit zu christlichem Zuspruch an alle die vorübergehen, welche umihn waren. Kurz, sein Tod war, wie sein Leben, wahrhaft fromm und doch natürlich,unbefangen und unaffectirt, und die Zeit kann kein leuchtenderes Beispiel von Vernunftund Religion Hervorbringen, als er es im Leben und Sterben gewesen ist."
Das theoretische System eines denkenden Mannes kann nur im Zusammenhangmit seinem Leben richtig verstanden und gewürdigt werden. Sein Leben erst zeigt uns,warum sein Denken gerade diesem oder jenem Gebiete des Erkennens sich zugewandthat; die Bekanntschaft mit Zeitansichten, in Bezug auf welche die Grundsätze des Systemshervorgetreten sind, lehren uns Behauptungen, die infolge des Gegensatzes zu einseitighervorgehoben oder zn stark ausgedrückt worden sind, auf das rechte Maß zurückführen,und da das System nur den geistigen Inhalt, welcher in einer Persönlichkeit unmittel-bar lebt, zu begrifflicher Klarheit zu vermitteln sucht, ein Bestreben, dessen Ziel vonkeinem vollständig erreicht wird, so tritt das Leben eines Mannes, welcher in seinemSystem doch eigentlich nur die Klarheit über sein eignes inneres Leben sucht, auch füruns seinem System ergänzend, erläuternd und berichtigend zur Seite. Diese allgemeinenSätze leiden auf die pädagogischen Theoretiker in ganz besonderem Grade Anwendung,und darum haben wir auch für die nunmehr zn gebende Darlegung der pädago-gischen Ansichten L.s durch eine ausführlichere und auf authentische Nachrichten ge-stützte Erzählung seiner Lebensschicksale und seiner Lebensführung die feste Grundlagezu finden gesucht. Während nun aber bei gar manchen epochemachenden Pädagogenihre Theorie die Tendenz zu haben scheint, dem Heranwachsenden Geschlechts die bessereErziehung zu verschaffen, welche sie selbst haben entbehren müssen, und während ihreignes Leben mit ihrer Theorie häufig sehr wenig im Einklänge sich befindet und da-durch gegen die Forderungen derselben einigermaßen mistrauisch macht, theoretisirt da-gegen L. in der That nur was er als Zögling und Erzieher erfahren und versucht undin seiner gesummten Lebensthätigkeit erstrebt hat. Namentlich findet zwischen ihm undRousseau bei aller Uebereinstimmung in einzelnen Ansichten ein sehr bestimmter Unter-schied statt. Während Rousseau infolge der Eigenthümlichkeit seines Temperamentsund der Mängel seiner eigenen Erziehung von den wechselnden Winden des Lebensohne rechten inneren Widerstand hin- und her geworfen wurde und für das, was erpraktisch nicht erreichen konnte, durch um so extremere theoretische Behauptungen sichschadlos hielt, blieb L-, welcher die Hinrichtung Karls I., die Jahre der Republik, dieZeit der katholisirenden und absolutistischen Restauration und die Reform unter Wil-