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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Liederbuch.

welches jungen leuten, sonderlich aber den Studenten wol zimmet, und sie Mich dazuvon jren Preccptoribus sollen gehalten werden, als zu einer solchen Übung, da nit alleinkunst, sonder auch alle erbarkeit Key ist."

Die Auswahl der in der Schule zu singenden Lieder ist bisher so ziemlich demGutdünken der einzelnen Lehrer oder Schulaufseher überlassen gewesen, gewiß nichtzum Vortheile der Jugend. Das Wort Göthe's: „für die Jugend ist das Beste geradegut genug," sollte auch hier maßgebend sein. Wie schwer ist es aber für den einzelnenLehrer, aus der großen Zahl von Liedersammlnngen für Jugend und Schule diesesBeste wirklich auszulescn! Seine Wahl hängt oft von sehr zufälligen Umständen ab:Geschmack, Wohnort, äußeren Mitteln rc. Da sollte die Oberschulbehördc dreinsehenund etwa durch eine Commission von sachverständigen Männern ein weltliches Liederbuchfür die Schule ausarbeiten lassen, das stereotypirt und somit bei großer und sichererVerbreitung um einen sehr billigen Preis in den Schulen eingeführt werden könnte.In Württemberg hat man die geistlichen Lieder und Melodien, welche auswendig ge-lernt und geübt werden sollen und deren Auswahl früher dem Ermessen der Lehreroder höchstens der Localschulaufsehcr überlassen war, amtlich festgesetzt und sich dadurchden Dank der Lehrer selbst und der Schule verdient; warum sollte man nicht auch denweltlichen Liederstoff durch eine wohlerwogene Auswahl, beziehungsweise durch ein offi-cielles Liederbuch ordnen, das für den weltlichen Gesang das nämliche wäre, was dasLandesgesangbnch ist für den Gesang geistlicher Lieder? Nicht, daß man die freie Kunstdes Gesangs und das jugendliche Lied nach bureaukratischer Schablone modeln wollte.Unsere Jugend mag immerhin singen, „wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet;"wir wünschen nur einen festen Liederstock des Besten, der dem Geschmacke Ton undRichtung gäbe. Neben ihm könnte sich dann immerhin, was da und dort in deutschenLanden Volks- und eigenthümlich ist, geltend machen. Unser deutscher Subjeetivismushat bisher ans dem Gebiete des Liedes volle Freiheit genossen und sich dieselbe auchtrefflich zu nutze gemacht. Fast jede Schule singt ihre besonderen Lieder, je nach demGeschmacke des Lehrers, oder singt die nämlichen Lieder nach anderen Weisen; fast istzu sagen, daß am Ende jeder singende Deutsche sein: „Was ist des Deutschen Vater-land?" singe „in eigener Melodie." — „Das ist Freude, das ist Leben, Wenn's inallen Büschen schallt"; allein auch die Sänger des Busches haben in ihren Liedern ihreobjective Begrenzung. So dürfte es der Zerfahrenheit auch auf dem Gebiete desLiedergesangs gegenüber wohl thnn, wenn die deutsche Schuljugend auf einen mehr ge-meinsamen Liedergrund geführt und damit vielleicht auch ein wenn auch noch so kleinesSteinlein zum Bau der deutschen Einigkeit gelegt würde.

Das Liederbuch, gegenüber dem Gesangbuch, müßte Lieder enthalten, die allem,was das junge Herz in Lust oder Leid bewegen, was den Sinn für das Wahre, Guteund Schöne wecken, bilden, stärken kann, einen klaren, wahren, poetischen Ausdruck geben.Tages- und Jahreszeiten, Naturleben, Wandern, Turnen, Heimat, Vaterland, Freund-schaft und Gemeinschaft, Beruf, Sagen, Feste in und außer der Schule, das wärenetwa die Rubriken, die im Liederbuchs vertreten sein müßten. Die Texte einfach, klar,frisch, jugendlich, natürlich, fromm, aber nicht frömmelnd, volksthümlich, nichts gemachtes,unkindliches oder kindisches. Erotisches absolut ausgeschlossen. Jedes Lied muß irgendeinen guten, wahren Gedanken, eine gesunde Empfindung ausdrücken, eine gesunde Seelegleichsam in einem gesunden, schönen, edelgebanten Leibe; es sei zugänglich für diejugendliche Fassungskraft und doch tief genug, daß auch Jüngling und Mann, Jungfrauund Weib sich noch daran erfreuen können. Was nur für die Kinder taugt, das taugteben nicht für die Kinder, Dasselbe gilt von den Tonwcisen. Sie seien einfach,rund, naturwüchsig, nicht sentimental, schmachtend, .gekünstelt. Das Volkslied mit seiner„einfältigen Lieblichkeit" gebe das Maß und zum Theil auch den Stoff. Es ist eingutes Zeichen unserer Zeit, daß man im Liedergesang der Volksweise so entschieden zu-seuert. Wo die ursprünglichen Texte von tüchtigen Volksmelodien für die Jugend nicht