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4 (1865) Kirche - Muttersprache
Entstehung
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schränkung, Frage und Antwort, Zweifel und Erläuterung folgen aufeinander in un-unterbrochener Abwechslung, bis alle Seiten des Gegenstandes nacheinander heraus-gekehrt und besprochen sind, ohne daß doch bei einer einzigen nur einen Augenblicklänger verweilt würde, als zur vollständigen Darlegung derselben nöthig ist: da istkein müßiger Gedanke, kein ausschmückender Satz, kein überflüssiges Wort, nichts wasnur angedeutet, halb ausgesprochen, dem Besinnen und Errathen überlassen wäre, derGegenstand muß sich unserem Denken, unserer Anschauung ganz und gar hergeben; erwird vollständig durchdrungen, aufgelöst und in unser innerstes geistiges Leben hinein-gezogen, unserem Geiste im ganzen und in allen seinen einzelnen Theilen assimilirt.Wie reizen in Lessings Darstellung selbst Gegenstände, die uns an sich so fern liegenund so speciell wissenschaftliche Dinge behandeln! Wen interessirt Cardanus? WenSimon Lemnius? Wen die längstvergessene Fabcltheorie des Batteux? Wie wenigedie geschnittenen Steine der Lippertschen Daktyliothek oder die polemischen Schriftendes Hauptpastors Göze? Und doch welche rege Theilnahme gewinnen wir für dieseDinge, sowie wir nur wenige Zeilen der Lesstngfchen Besprechung derselben gelesenhaben, wie fesseln sie uns, daß wir nicht davon los können, und welchen Genuß habensie uns gewährt, wenn wir zum Schlüsse gelangt sind! Es ist darum auch LessingsProsa seit achtzig Jahren das unerreichte Muster desjenigen Stils, welcher das Ge-spräch, die Verhandlung über die Gegenstände darstellt — wie Göthes Prosa dasgleich unerreichte Muster des Gesprächs und der Verhandlung mit den Gegenständenist." Wie L. auch als Dichter den Kritiker nicht verleugnet, so verleugnet er auchals Kritiker den Dichter nicht: wie die handelnden Personen eines Dramas, so tretenbei ihm die einander unterstützenden oder bestreitenden Gedanken auf; und das schöneWort, welches Herder in Bezug auf Huttens Prosa gesagt hat, läßt sich im vollstenMaße auch auf L. anwenden: „Alles lebt in seinen Schriften, nichts steht ge-schrieben, daß es nur also dastehe. Wie Dädals Bildsäulen sieht man seine Worteund Phrasen gehen, kommen, handeln, leben!" Deutlichkeit ohne Trockenheit, Klarheitohne Seichtigkeit, höchste Lebendigkeit ohne Flüchtigkeit und Ueberstürznng, Schwungohne Ueberschwänglichkeit, das sind die Eigenschaften der Sprache L.s, ihr Hauptvor-zug aber liegt in ihrer vollkommenen Wahrhaftigkeit, durch welche das Wortnur der aufrichtigste Interpret, der treueste Diener, der stete Begleiter des Gedankenswird, und die keinen schielenden Ausdruck, kein müßiges Wort, keine nur äußerlich an-gewöhnte Wendung duldet, und die für den Leser nicht allein ein Mittel zur Beförde-rung der eigenen Klarheit im Denken und im sprachlichen Ausdruck wird, sondern auchein Antrieb zur Wahrhaftigkeit des Charakters. In den Fabeln L.s, die ja auch indem „blanken männlichen Harnisch" seiner Prosa anftreten, kann dieser Vorthcil schonjüngeren Schülern zugewandt werden. Wer die Oden des Horaz vor älteren erklärt,der sollte doch nie versäumen das „Vaäa msonm für den Hrn. Sam. Gotth. Lange"anzusehen: die Satire, womit L. die Versehen dieses unglücklichen Uebersetzers geiselt,würde ein vortreffliches Mittel werden, den Schüler vor ähnlichen Versehen zu bewah-ren. Schade ist, daß nicht auch die „Rettungen des Horaz" empfohlen werden können,weil von der Unsauberkeit der Angriffe, gegen welche sie sich wandten, zu viel all ihnenhängen bleiben mußte. Dagegen würde ein beurteilendes Referat über die Abhandlungenüber die Fabel ein passendes Thema für einen Primaneraussatz sein. Laokoon, so wie dieantiquarischen Briefe und die schöne Abhandlung „wie die Alten den Tod gebildet", setzenzu viel philosophische und archäologische Kenntnisse voraus, als daß bei Gymnasiasten dasvolle Verständnis und Interesse dafür vorausgesetzt werden könnte. Wohl aber sollte beidem Unterricht in der Literatur die Gelegenheit nicht versäumt werden, an geeigneterStelle aus die Hamburgische Dramaturgie znrückznkommcn, in welcher die Grundgesetzeder Poetik so eingehend, klar und auf eine das Verständnis durch fortwährende An-wendung ans die Praxis so sehr erleichternde Weise anscinandergesetzt werden, derwahre Aristoteles gegen die französischen Psendoaristoteliker ins Licht gestellt, der Unter-