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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Lcssing.

Werth eines wahrhaft bildenden, den kindlichen Geist zn eigener Thätigkeit erweckendenUnterrichts nicht unterstützte, hatte er selbst in der fünften seiner Abhandlungen über dieFabel gegeben (V. S. 457—460), welche „von einem besonder» Nutzen der Fabelnin den Schulen" handelt. Hier sagt er: „Warum fehlt es in allen Wissenschaftennnd Künsten so sehr an Erfindern und selbstdcnkcnden Köpfen? Diese Frage wird ambesten durch eine andere Frage beantwortet: Warum werden wir nicht besser erzogen?Gott giebt uns die Seele; aber das Genie (hier eben nur: ein erfinderischer, selbst-denkender Kopf) müssen wir durch die Erziehung bekommen. Ein Knabe, dessen ge-summte Seelenkräfte man, so viel als möglich, beständig in einerlei Verhältnissen aus-bildet und erweitert; den man angewöhnt, alles, was er täglich zu seinem kleinenWissen hinzulernt, mit dem, was er gestern bereits wußte, in der Geschwindigkeit znvergleichen und Acht zu haben, ob er durch diese Vergleichung nicht von selbst ans Dingekömmt, die ihm noch nicht gesagt worden, den man beständig aus einer Scienz in dieandere hinübersehen läßt; den man lehret, sich eben so leicht von dem Besonder» zndem Allgemeinen zu erheben, als von dem Allgemeinen zu dem Besondern sich wiederherabzulassen: der Knabe wird ein Genie werden, oder man kann nichts in derWelt werden." Diese vortrefflichen allgemeinen Vorschriften über das, was manals die Lebendigkeit des Unterrichtes bezeichnen kann, werden dann auf die pädagogischeBenutzung der Fabel angewandt. Der Lehrer soll die darin enthaltene Geschichte baldeher abbrcchen, und aus dem Bruchstück den Schüler selbst ein neues Ganzes machenlassen, bald soll er ihn die Geschichte weiter fortführen, bald diesen oder jenen Umstandso verändern, daß sich eine andere Moral darin erkennen läßt, bald eine reinere Moralin die Fabel zu legen ihn versuchen lassen, damit durch dieses alles der Geist desZöglings zn selbständigem Denken und Erfinden angeregt werde. Gerade die Naturder Fabel gestattet auch eine solche Behandlung, ohne daß man zu befürchten hätte,den Geist der Poesie dadurch zu beleidigen.

Es bildet übrigens die Erwähnung dieser didaktischen Rathschläge L-s einen natür-lichen Uebergang zur schließlichcn Betrachtung des Werthes, welchen L.s Schriftenals Hülfsmittel der stilistischen, ästhetischen und sittlichen Bildunghaben. Die Vortrefflichkeit des Lessingschen Stils ist von bedeutenden Auctoritätenmit solcher Begeisterung anerkannt, seine eigenthünilicken Vorzüge sind von ihnen sotreffend charakterisirt worden, daß wir wohl thun werden, den Ausdruck ihres Urtheilsuns anzueignen, statt den vergeblichen Versuch zu machen, einen treffenderen zu finden.Schon Herder sagt darüber (a. a. O. S. 138): „So lange deutsch geschrieben ist,hat, dünkt mich, niemand wie Lcssing deutsch geschrieben, und komme man nnd sage,wo seine Wendungen, sein Eigensinn nicht Eigensinn der Sprache selbst wären? SeitLuther hat niemand die Sprache von dieser Seite so wohl gebraucht, so wohl verstan-den. In beiden Schriftstellern hat sie nichts von der plumpen Art, von dem steifenGange, den man ihr zum Nationaleigenthnm machen will; und doch, wer schreibtursprünglich deutscher, als Luther und Lessing?" Und besonders allseitig, treffend nndschön Vilmar: „Wohl aber ist hervorzuheben, daß er, nächst Luther, der zweiteSchöpfer unserer Prosa, der Erzeuger der modernen Prosa geworden ist. Das Eigen-thümliche derselben ist die Darstellung des dialektischen Processes in seiner vollenWahrheit nnd höchsten Lebhaftigkeit; wir hören in Lessings Stil ein geistreiches, be-lebtes Gespräch, in welchem gleichsam ein treffender Gedanke auf den andern wartet,einer den andern hervorlockt, einer von dem andern abgelöst, durch den andern berich-tigt, gefördert, entwickelt und vollendet wird; Gedanke folgt auf Gedanke, Zug umZug, im heitersten Spiele und dennoch mit unbegreiflicher, fast zauberhafter Gewaltans uns eindringend, uns mit fortreißend, beredend, überzeugend, überwältigend; wirkönnen uns der Theilnahme an dem Gespräche nicht entziehen, wir glauben selbst mit-zureben, und zwar mit solcher Lebhaftigkeit, Klarheit, Bestimmtheit mitzureden, wiewir sonst noch nie gesprochen Haben, Einrede und Widerlegung, Zugeständnis nnd Be-