Druckschrift 
4 (1865) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
407
Einzelbild herunterladen
 

Lessing.

407

man für Versicherung desfalls von mir verlangen kann, und ich will sie mit Vergnügenstellen. Nur muß unsere Mutter dadurch völlige Ruhe bekommen; — — zugleichumarme für mich unsere Schwester, und sage ihr, daß ich meine Thräncn mit denihrigen verbinde, und sie nicht vergessen soll, daß sie einen Bruder hat, der bereit ist,alles für sie zu thun, was ihm in der Welt nur möglich ist." Liegt nun in dem Ernstseines Wahrheitssinnes und in der Pietät gegen das elterliche Haus, wo so tüchtigeGesinnung ihre Pflege gefunden hatte, an sich schon ein religiöser Zug, so läßt sich er-warten, daß L., zumal bei seiner umfassenden und eindringenden Kenntnis der Geschichte,die Bedeutung der Religion und insbesondere der des Christenthums nicht verkannt habenwerde. In der That läßt sich kaum etwas verschiedenartigeres denken, als der frivole Hohn,welchen englische und französische Deisten und Atheisten über Aberglauben und Glaubenergossen, und der gewissenhafte Ernst, womit Lessing bemüht war, den Jrrthum zurWahrheit und das träge Annehmen äußerlich überlieferter Lehren zu lebendiger An-eignung der Wahrheit weiter zu führen. Man ist freilich gewohnt, in L-, weil er derGegner der damaligen Vertreter der Kirchenlehre war, nur den Gegner des positivenChristenthums und der positiven Religion überhaupt zu sehen, und wir wollen nichtleugnen, daß er in jenem Streite von seiner Gewohnheit, „auf die entgegengesetzteSeite des Brettes zu treten", oft einen etwas ausgedehnten Gebrauch gemacht unddabei namentlich den Werth der heiligen Schrift als Lehrnorm unterschätzt und die Ab-hängigkeit der sogenannten Vernunftreligion von den positiven oder historischen Reli-gionen und insbesondere von dem Christenthum verkannt hat. Gleichwohl stehen wirnicht an zu behaupten, daß von allen Koryphäen unserer classischen Literaturperiode,selbst Herder nicht ausgenommen, keiner eine so klare Einsicht, wie L., gehabt hat indas Verhältnis der Religion an sich zu der Religion in ihrem geschichtlichen Werden,in die Stellung, welche das Christenthum in diesem, und in das Verhältnis, welcheses zu jener einnimmt. Dadurch hat denn L. auch der religiösen und christlichen Er-kenntnis eine positive Förderung gebracht. Er hat darauf gedrungen, daß das Wesentlicheund Primitive in der Religion nicht die Religionslehre sei, sondern das praktischeVerhalten des Menschen zu Gott, sein thatsächliches Leben in und mit Gott. Er hat,indem er die Offenbarung als die Erziehung des Menschengeschlechtes durch Gott anf-faßte, dieselbe wieder als eine lebendige Kraft Gottes selig zu machen, erkennen gelehrt,Während man gewohnt war, sie nur als einen Inbegriff gewisser religiöser Lehrsätzeanzusehen. Und er führte als zu der eigentlichen Quelle der christlichen Offenbarungüber den Buchstaben der heiligen Schrift zu der Person Christi und der durch ihn be-gründeten geistigen Nenschöpfung zurück. Während die damaligen Vertreter der Ortho-doxie nur ein Auge hatten für L.s Abweichungen von dem kirchlichen Lehrbegriff, dieAufklärer, so oft und sehr er gegen die Gemeinschaft mit ihnen sich verwahrte, eben umdieser Abweichungen willen ihn zu den Ihrigen glaubten zählen zu dürfen, wurden diein seiner Auffassung liegenden Keime zu einer Neugeburt der theologischen Wissenschaf-ten von fast allen nicht beachtet und vielleicht von keinem recht gewürdigt. Ein Men-schenalter später hat ein verwandter Geist, Schleiermacher, das von L. begonnene Werkwieder ausgenommen und jene Grundgedanken in der wissenschaftlichen Theologie derGegenwart in solchem Grade zur Anerkennung gebracht, daß jetzt auch der Positivste,so lange er noch für einen wissenschaftlichen Theologen gelten will, es nicht unternehmendürfte, zu dem von L. bestrittenen theologischen System sich einfach wieder zu bekennen.— L. selbst aber hat bei seinem Kampfe um die Wahrheit seinen Blick ans derenkünftigen Sieg gerichtet, nicht ans gegenwärtigen Beifall, und darum verband sich mitseinem Eifer um die Erkenntnis der Wahrheit die Freimüthigkeit in ihrem Bekenntnisse.Während er die erschlichene Anctorität, welche die hohlen „großen Deuse" der Kunst undWissenschaft in der öffentlichen Meinung erworben hatten, mit schonungslosen Streichenzerstörte, zog er in seinen Rettungen" verkanntes Verdienst an das Licht. „Gelinde undschmeichelnd gegen den Anfänger; mit Bewunderung zweifelnd, mit Zweifel bewundernd