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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Lcssing.

hier Schleiermachern ähnlich, „auf die entgegengesetzte Seite des Brettes zu treten, da-mit der Gegner durch Prüfung der gegenseitigen Ansicht die eigene klären und begründenlerne, und daS richtige Gleichgewicht hergestellt werde." So hat er mit Leibnitz gegenEberhard die Ewigkeit der Höllenstrafen und gegen die rationalistische Halbheit desSocinianers Wissowatius die größere Tiefe und Folgerichtigkeit der kirchlichen Drei-einigkeitSlehre vertheidigt, und wie er im Fragmentenstreit den Besitzstand der Ortho-doxie erschütterte, so hatte er seinen damaligen Gegner Göze früher in Schutz genommengegen die eitle und seichte Aufklärerei der herrschenden Scheinbildung, welcher über-haupt niemand ferner stehen konnte als L. Von einem solchen Geiste wird man zumvoraus geneigt sein anzunehmcn, daß er keinem fertigen philosophischen System sichwerde angeschlossen haben. In der That, wenn er Jakobi damit neckte, daß er sichzu dem -i- xoll bekannte, so hätte Mendelssohn darüber sich nicht zu Tode grämensollen, sondern wissen können, wie er das bei L. zu nehmen habe. Ein Spinozist ist L.nicht gewesen, und wenn er im Gegensätze zu der abstracten Außerweltlichkeit des herr-schenden Gottesbegriffes bei Spinoza den Gott suchte, dem „es ziemt, die Welt im Innernzu bewegen"; so stand er doch in der Gesammtheit seines geistigen Wesens und seinerAnschauung, in welcher er in allen Wesen individuelle Monaden, in den Menschenwillensfreie, unsterbliche Persönlichkeiten erkannte, Gott selbst aber als den persönlichendie Welt leitenden und die Menschen erziehenden Weisheitswillen faßte, der WeiseLeibnitzens näher. — Wenn nun L. bei seinem Kampfe um die Wahrheit manches nurxn.llvaurlXMx behauptete, was er zu vertreten nicht gewillt war, so hat er doch

niemals den Gegner nur geneckt, um seine eigene Kraft und Gewandtheit zu zeigen und selbstdaran eine eitle Freude zu genießen. Vielmehr stand ihm als Kampfpreis allezeit dieWahrheit vor der Seele, und der Ernst, womit er nach ihr rang, ließ keinerlei Frivo-lität in seiner Kampfesweise aufkommen. Keinen geringen Antheil an der Ausbildungdieser ernsten Gesinnung hatte der Umstand, daß auch an L. das protestantische Pfarr-haus die Mission erfüllt hatte, welche es in der Geschichte hat und welche Lang(a. a. O. S. 217 f.) mit so treffenden Worten zeichnet. Vorzüglich durch L.s VaterWar diese Mission vertreten, und in dem Worte des Vaters: „die historische Wahrheitgleicht einem Auge, welches nicht das geringste Stäubchen leidet", ist der Wahrheits-sinn des Sohnes vorgebildet, welcher in dem Ausspruche Nathans über Saladin inder That sich selbst charakterisirt: „Er will — Wahrheit, Wahrheit! und will sieso, — so baar, so blank, — als ob die Wahrheit Münze wäre". Wie L. der strengkirchlichen, klösterlichen Zucht des Afraneums zu Meißen das Zeugnis gab, wenn ihmetwas von Gründlichkeit eigen sei, so habe er es dem Kloster zu danken, so verkannteer noch weniger den heilsamen Einfluß der ernsten, frommen, nicht die Genußsucht,sondern die Lust und Kraft zur Arbeit fördernden Zucht des elterlichen Hauses. Warenauch seine Gedanken und Wege oft andere, als die seiner Eltern, so blieb er doch denSeinen in treuester, stets zu Rath und Hülfe bereiter Kindes- und Geschwisterliebeverbunden, und sein volles warmes Herz, die ganze Bravheit seiner Gesinnung liegtvor uns offen in den einfachen Worten, mit welchen der einundvierzigsährige Mannam 8. Sept. 1770 von Wolfenbüttel aus, wo er selbst in keineswegs glänzenden äußerenVerhältnissen sich befand, seinem Bruder Theophilus auf die Nachricht vom Tode seinesVaters antwortet (LII. S. 311 f.): „Ich denke, ich habe es bei dir nicht nöthig,viel klägliche Worte zu brauchen, um dich zu versichern, wie sehr mich die Nachrichtvon dem Tode unseres Vaters betrübt und niedergeschlagen hat. Ich kann noch kaumwieder zu mir selbst kommen. — — Was mich einigermaßen tröstet, ist, daß er nachseinem Wunsche gestorben. Laß uns, mein lieber Bruder, eben so rechtschaffen leben,als er gelebt hat, um wünschen zu dürfen, eben so plötzlich zu sterben, als er gestorben

ist. Das wird die einzige beste Weise sein, sein Andenken zu ehren.-Es kann

nicht anders sein, es müssen sich Schulden finden. Ich nehme sie alle auf mich, undwill sie alle ehrlich bezahlen, nur muß man mir Zeit lassen. Schreibe mir, was