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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Lessing.

der conventionellen Form solcher Wissenschaften eine Beeinträchtigung der Unbefangen-heit der Forschung befürchtete; ebenso, und damit eng zusammenhängend seine Scheuvor einer bestimmten Berufsstellung, weil er durch eine solche in der Verfolgung seineseigentlichen Berufes gehindert, möglicherweise auch zur Vertretung von Ansichten undGrundsätzen genöthigt zu werden fürchtete, welchen seine innerste Ueberzeugung nichtwürde zustimmen können. Daß er sich auch nicht beeilte, durch das Band der Ehe sichselbst und ein geliebtes Wesen von seiner im gewöhnlichen Sinne wenig gesicherten Exi-stenz abhängig zu machen, werden wir unter solchen Umständen vollkommen begreiflichfinden, ebenso aber auch darin, daß er als siebenundvicrzigjähriger, nachdem er zu derdem höheren Mannesalter natürlichen Ruhe und zugleich zu einer festen äußeren Lebens-stellung gelangt war, eine Ehe eingieng, nicht etwa nur „eine liebenswürdige Jnconsequenz"erkennen, sondern die ganz richtige Eonsequenz davon, daß er ein ganzer Mann war und alssolcher auch die naturgemäße Ergänzung seiner Persönlichkeit in der Ehe suchte. Einemgefühlstrunkenen jugendlichen Liebesverhältnisse widerstrebte seine kritische Natur; aberauch die vollkommen männliche Reife der Besonnenheit, welche ihn als Jüngling schongeleitet hatte, hatte das warme Gefühl in ihm nicht erkalten lassen, und ans dem Zu-sammenwirken dieser beiden Factoren ist ein eheliches Verhältnis von musterhafterWürdigkeit hervorgegangen, dessen schönes Denkmal in dem Briefwechsel mit der WitweKönig, seiner nachherigen Gemahlin, uns vorliegt. Auch in dieser Beziehung, wie inso vielen andern, liegt die Vergleichung L.s mit Schleiermacher nahe, welcher ebenfalls,nur wenige Jahre jünger als Lessing, seine dauernde Neigung einer Witwe zuwandte.Mit dem Drange nach möglichst vielseitiger Erforschung der Wahrheit hängt dannauch sein Streben nach vielseitiger Ausbildung der eigenen Persönlichkeit zusammen.Die aller geselligen Bildung baare gelehrte Versessenheit, womit die Pedanten seinerZeit sich brüsten mochten, erschien ihm als eine des Mannes unwürdige Schwäche, dieer in seinem „jungen Gelehrten" schon geiselte; er wußte den Werth seiner Weltbildungzu schätzen. „Ich lernte einsehcn, so schrieb der noch nicht zwanzigjährige Studiosusan seine Mutter, die Bücher würden mich wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einemMenschen machen. Ich wagte mich von meiner Stube unter meinesgleichen. GuterGott! was vor eine Ungleichheit wurde ich zwischen mir und andern gewahr. Einebäurische Schüchternheit, ein verwilderter und ungebauter Körper, eine gänzliche Un-wissenheit in Sitten und Umgänge, verhaßte Mienen, aus welchen jedermann seine Ver-achtung zu lesen glaubte, das waren die guten Eigenschaften, die mir, bei meiner eigenenBeurtheilung, übrig blieben. Ich empfand eine Scham, die ich niemals empfundenhabe. Und die Wirkung derselben war der feste Entschluß, mich hierinnen zu bessern,es koste was es wolle. Sie wissen selbst wie ich es anfieng. Ich lernte tanzen,fechten, voltigiren. Ich will in diesem Briefe meine Fehler aufrichtig bekennen, ich kannauch also das Gute von mir sagen. Ich kam in diesen Hebungen so weit, daß michdiejenigen selbst, die mir im voraus alle Geschicklichkeit darinnen absprechen wollten,einigermaßen bewunderten." Dieses, übrigens von jeder Eitelkeit entfernte, Werthlegenans eine anständige äußere Erscheinung bildet einen nicht unwesentlichen Zug in L.sPersönlichkeit, und wenn Göthe einmal von ihm sagt (Dicht, und Wahrh. VII),L. habe die persönliche Würde gern weggeworfen, weil er sich zutraute, sie jeden Augen-blick wieder ergreifen und aufnehmen zu können, so wird man vielleicht mit größeremRechte behaupten können, es habe die ihm zur Gewohnheit gewordene weltmännischeHaltung mit dazu beigetragen, daß er unter keinen Umständen sich etwas vergab unddaß er den Schriftstellerstand auch in der Gesellschaft wieder zu Ehren brachte. Derschöne Ausdruck, den Göthe in Bezug auf Schiller gebraucht hat, läßt sich auch aufL. anwendcn: „Er war immer im vollen Besitz seiner großen Natur." Mochte ermit Comödianten verkehren oder mit Cavalieren, er wußte seine Würde zu behaupten-und sich in Nespect zu erhalten; und die Unterhaltungen seiner Umgebung, die er ge-legentlich mttmachte, entfremdeten ihn nie der ernsten Arbeit für seinen Beruf. Im