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Erfassung der Wahrheit selbst, weshalb denn auch schon Friedrich Schlegel L.s Kritik,um sie von der gewöhnlichen zu unterscheiden, als eine productive bezeichnet hat. DerScharfblick des unterscheidenden Verstandes ist bei ihm gepaart mit einem nicht minderbewunderungswürdigen Tiefblick, welcher bis zu dem gestaltenden einheitlichen Lebens-princip der Dinge durchzudringen versteht, und nicht minder groß als seine frische Freudean dem dialektischen Proccß und als seine immer präsente Schlagfertigkeit und seinunerschöpflicher Reichthum an taktischen Kombinationen im wissenschaftlichen Kampfeist seine warme Begeisterung für den Gegenstand des Kampfes, für die Wahrheit, welcheder Preis des Sieges ist. Viel treffender daher, als es mit jenen Formeln geschieht,hat L. sein eigenstes Wesen selbst charakterisirt in dem oft citirten und auch nicht seltenmisverstandenen Worte (Duplik. In Maltzahns Ausg. der Werke, X. 53): „Nichtdie Wahrheit, in deren Besitz irgend ein Mensch ist, oder zu sein vcrmeynet, sondern
die aufrichtige Mühe, die er angewendet hat hinter die Wahrheit zu kommen, macht
den Werth des Menschen, denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschungder Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worinnen allein seine immer wachsende Voll-kommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz. — Wenn Gott in seinerRechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nachWahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte,und spräche zu mir: wähle! ich fiele ihm mit Demuth in seine Linke und sagte: Vater
gieb! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!" Was hier L. behufs der
recht scharfen Unterscheidung seines Standpunctes von dem seiner Gegner, welche inder Meinung, in dem festgeschlossenen System der orthodoxen lutherischen Dogmatik diereine und volle Wahrheit zu besitzen, „ruhig, träge und stolz" geworden waren, so be-stimmt von einander geschieden hat, die objective Wahrheit und den subjectiven Wahr-heitstrieb, das existirt in der Wirklichkeit, wo es sich um die menschliche Erkenntnis derWahrheit handelt, der Natur der Sache nach nicht in solcher Trennung. Auf demWege reiner Ueberlieferung, mag sie nun von menschlicher oder göttlicher Auctorität unter-stützt werden, kann die Wahrheit zum Eigenthum des Menschen nicht werden, sondernnur dadurch, daß er sie vermöge des subjectiven Wahrheitstriebes sich zu eigen macht;und andererseits ist der letztere gar nicht denkbar, ohne daß ein gewißer Besitz derWahrheit bereits vorausgeht, durch welche eben der Trieb nach weiterer Erforschungder Wahrheit geweckt wird. Auch L.s eigenem Wesen war das ruhelose, titanenhafteRingen und Jagen nach einer doch ewig unfaßbaren Wahrheit, das endlich bei dertrostlosen Einsicht anlangt, „daß wir nichts wissen können," durchaus fremd, und sehrmit Unrecht würde man in der obigen Stelle eine Empfehlung solchen Strebens finden.Die männliche Ruhe und Klarheit, welche seinem begeisterten Wahrheitstriebe von An-fang an zur Begleiterin gegeben war, ließ ihn sein Bemühen darauf richten, das Ge-biet des Unerkennbaren von dem des Erkennbaren, und innerhalb des letzteren dasWahre von dem Falschen genau zu unterscheiden und nur gegen den trägen, eingebil-deten Besitz der Wahrheit lehnte sein reger Geist sich auf, wenn er den Werth desMenschen und der von diesem besessenen Wahrheit von der „Nachforschung der Wahr-heit," von der selbstthätigen Aneignung desselben abhängig machte. Eher, als in demSinne des die Schranken der menschlichen Natur verkennenden und darum ewig unbe-friedigten Himmelsstürmers Faust, ist sein obiger Ansspruch im Sinne des Apostels(Phil. 3, 12) gesagt: „Nicht, daß ich es schon ergriffen habe, oder schon vollkommensei; ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möchte, nachdem ich .... ergriffenbin." Der selbstverlängnende, von dem klarsten und schärfsten Ver-stände geleitete begeisterte Wahrheitstrieb, das ist das Princip, aus welchemLessings geistiges Wesen und Wirken hervorgegangen ist und verstanden werden muß.
Aus dieser Grundeigenthümlichkeit von L.s Wesen erklärt sich denn zunächst seineAbneigung, einer bestimmten Fachwissenschaft sich zu widmen, weil sein Trieb nach viel-seitigster Erforschung der Wahrheit ihn über diese Schranke Hinaustrieb und er von