Druckschrift 
4 (1865) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
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Leseunterricht.

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drückt oder nur gedacht, eine wichtige Rolle. Aber auch ohne diesen ist in der Regel,der Hauptbegrifi nicht schwer zu finden. Wenn indessen manche behaupten, daß erimmer im Prädicat liege, so werden sie sich so viele Ausnahmen gefallen lassen müssen,daß ihrer Regel der Einsturz droht. (Man betone z. B. nur den eben gelesenen Satzin dieser Beziehung.) Bei der Frage (und meistens auch Leim Ausruf) hat ebenfallsdas Wort, das den Hauptbegriff der Frage ansdrückt, den Oberton, und wenn diesesnicht am Schlüsse steht, endet der Fragesatz nicht im Oberton, sondern im Mitteltone,wodurch er sich immer noch von dem Urtheilssatz unterscheidet. Aber auch wenn derHauptbegriff den Schluß des Satzes bildet, hat die Stimme sich zuletzt etwas zu senken,damit dieser Schluß ins Gehör fällt. In dem Begriff der Modulation der Stimmeliegt aber, daß sie nicht von einem dieser drei Töne auf den andern überspringt, son-dern allmählich in längeren oder kürzeren Uebergängen steigt und fällt, und es ist nichtswiderlicher als jenes verkehrter Weise für kunstgerecht gehaltene fortwährende Ans- undAbspringen der Stimme. Zur Melodik gehört zwar auch noch die Kunst, den rechtenGrundton für jedes Lesestück zu finden; denn ein Sterblied z. B. geht, wenn es gelesenwird, doch wohl aus einer anderen Tonart als ein Loblied, die Dithyrambe aus einer an-dern als die Elegie. Allein dies übersteigt schon die Grenzen der gewöhnlichen Schuleund nur etwa das Musterlesen des Lehrers kann dazu führen, daß von den Schülernnachahmungsweise einigermaßen die rechte Tonart getroffen wird. Hier gilt es vor-nehmlich, keineAffectation anfkommen zulasten. -— Bei der Dynamik des Lesens end-lich handelt es sich um die Stärke und Schwäche, das Anschwellen und Abschwcllen desTons, und sie ist für ein gutes Lesen ebenso wichtig, als in der Musik die Beachtungdes Forte und Piano, des Crescendo und Decrescendo und der guten und schlechtenTakttheile. Nach ihr richtet sich im einzelnen Worte die Betonung der Hauptsylbe zumUnterschied von den Nebensylbcn, im Satze die Hervorhebung des Hanptbegriffs, inSatzgefügen desjenigen Satzes, der den Hauptinhalt hat. Hier fließt das Dynamischemeistens mit dem Melodischen und auch mit dem Rhythmischen zusammen und ebendarin liegt das Schöne des Lesens, während die alleinige Beobachtung des Dynami-schen, das Herausstoßen der Hauptsylbe, das Schreien des den Hanptbegrifs des Satzesenthaltenden Wortes, der sog. Druck ans ein Wort wirklich häßlich ist. Beim Lesendes Gedichtes, der angeführten Rede einer Person, des Gesprächs tritt das Dynamischenoch stärker hervor. Aber es gehört ein fein gebildeter Geschmack dazu, hier immerdas Rechte zu treffen, und bei Schülern kann dieses nur durch das Muster des Lehrersund auch da nur annähernd hie und da erreicht werden.

Von besonderer Wichtigkeit ist noch die Frage über den Lesestoff, an welchemder Leseunterricht zu treiben ist, da wir ans ein verständiges und gutes Lesen dringen,bei welchem der Inhalt des Gelesenen sich dem Geist und Gcmüthe der Leser und derHörer assimiliren soll. Doch nicht allein in materialer, sondern auch in formaler Hin-sicht liegt viel an der richtigen Wahl des Lesestoffes. In letzterer Hinsicht ist obenschon darauf hingewiesen worden, daß der Lesestoff, was die Wörter, die Satzarten,den Stil betrifft, vom Leichteren zum Schwereren anfsteigen solle. Es ist aber, damitdie Schüler zu möglichster Festigkeit und Gewandtheit kommen, auch eine reiche Mannig-faltigkeit der Form nöthig, und das um so mehr, je weiter die Schüler im Lesen fort-schreiten. Poesie und Prosa müßen mit einander wechseln und in beiden die neuerenFormen nnt den älteren, die complicirtcren mit den einfachen, Erzählung, Beschreibung,Schilderung, Betrachtung, Ausdruck des Gefühls und Affects re. sowohl in gebundenerals in ungebundener Rede. Es genügt darum schon in dieser Hinsicht nicht, daß nurin Bibel, Gesangbuch und Katechismus gelesen wird, sondern es ist auch Uebnng aneinem zweckmäßigen Lesebuch nöthig, und umgekehrt reicht auch in formaler Hinsichtdas Lesebuch nicht zu, sondern muß auch Bibel, Gesangbuch, Katechismus n. s. w. ge-lesen werden. Dadurch erst gelangen die Schüler dahin, daß sie alles, was ihnenspäter unter die Augen kommt, in der rechten Weise zu lesen vermögen. Noch mehr