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Leseunterricht.
Lesens in der Lehrerwelt noch nicht allgemein verbreitet und dürste vielleicht bei derLehrerbildung und Prüfung noch mehr als bisher berücksichtigt werden. Der Lehrermuß den Schülern ein Muster geben; sonst können sie nicht wissen, was gut lesenheißt und wie sie es angreifen sollen, daß sie ihre Aufgabe recht lösen. Er muß alsoden Schülern das Lesestück vorlesen, und es wird häufig besser sein, daß er es thut,ehe die Schüler lesen, als erst nachher, wenn sie die Sache nicht recht gemacht haben,weil die Fehler verhüten auch hier mehr Werth hat und leichter ist, als die so leichtund schnell einwurzelndcn Fehler verbessern. Hat er gut vorgelesen, dann kann er ver-langen, daß die Schüler es'auch so machen, und er verlangt es nicht vergebens, weilauch hier das Beispiel eine Macht ist. Soll er aber die Schüler auch mit den Regelndes guten Lesens bekannt machen? Einen besonderen Unterricht darüber zu geben, hießewohl den Schülern eine Abstraction zumuthen, deren sie nicht fähig sind, sie langweilenund die kostbare Zeit vergeuden. Aber aufmerksam soll er sie doch bei Gelegenheitdarauf machen, warum so und nicht anders gelesen werden soll. Dazu thut jedenfallsnoch, daß er selbst diese Regeln genau kenne. Diese Regeln alle des breiteren darzu-stellen scheint hier zwar nicht der Ort zu sein; aber auf die hauptsächlichsten derselbenwird doch in Kürze hingewiesen werden sollen. Man theilt sie gewöhnlich ein inRegeln der Rhythmik, der Melodik und der Dynamik. Zur Rhythmik des Lesensgehört das richtige Pausiren und das schnellere und langsamere Aussprechen einzelnerSylben j Wörter und Sätze. Das Pausiren ist angezeigt durch die Jnterpunctionen,auf welche deswegen, wie schon früher gesagt worden, sorgfältig zu achten die Schülerangehalten werden müßen. Aber es ist auch bei den einzelnen Jnterpunctionen noch
ein Unterschied zu machen. Das Komma gebietet eine andere (längere) Pause, wenn
es die Sätze von einander scheidet, als wenn es zwischen beigeordneten Satzgliedernsteht und diese anstatt des „und" mehr mit einander verbindet als von einander trennt.Das Kolon zeigt eine andere Pause an, wenn es in der Periode zwischen den Vorder-sätzen und Nachsätzen steht, als wenn die wörtliche Rede eines Menschen darauf folgt.Bei dem Fragezeichen und Ansrufzeichen, wenn es innerhalb des Satzganzen steht unddie Stelle des Komma als Pausezeichen vertritt, ist kürzer zu pausiren, als Wenn es
am Schlüsse des Satzganzen die Bedeutung des Punctes in sich schließt. Es giebt
überdies noch kleinere, feinere Pausen, welche durch kein Zeichen angedeutet Werden.Das Subject und das Prädicat sind durch solche von einander zu trennen, besonderswenn sie durch weitere Begriffe näher bestimmt sind. (Es giebt z. B. einen ganzandern Sinn, wenn ich pausire: Ich bin in dieser Lehre von Gott. . . unterwiesenworden, oder: Ich bin in dieser Lehre... von Gott unterwiesen worden.) Um hierrichtig zu pausiren, thut dem Lehrer genaue Kenntnis der Satzlehre, dem Schülerwenigstens richtiges Verständnis des Inhalts und einiges Sprachgefühl noth. Endlichmüßen auch durch noch feinere Pausen die einzelnen Wörter, daß sie nicht unverständ-lich in einander fließen, und sogar die einzelnen Sylben von einander getrennt werden(z. B. Unterschied zwischen erblassen und Erblasser). Das schnellere und langsamereLesen tritt schon auf bei dem Unterschied zwischen tonlosen und betonten Sylben, so wiebei der Schärfung und Dehnung; beim Grund- und Bestimmungswort; es dient fernerzur Unterscheidung des Hauptbegriffs von den ihm untergeordneten Begriffen und desHauptsatzes von seinen Nebensätzen. Und hierin trifft häufig das Rhythmische mit demMelodischen und Dynamischen zusammen. — Die Melodik des Lesens hat es mitder Modulation der Stimme, dem Steigen und Fallen des Tones zu thun. Manunterscheidet hier hauptsächlich drei Töne, den Unterton, den Mittelton und den Ober-ton. Im Unterton schließt der Satz, wo ein Punct steht; sonst soll um des Verständ-nisses willen die Stimme nie so tief sinken. Mit dem Mittelton wird gewöhnlich derSatz begonnen und er bleibt durch den ganzen Satz der vorherrschende Ton. DerOberton aber kommt auf den Hanptbegriff des Satzes, höher im Hauptsatze, etwastiefer im Nebensätze. Bei ihm bildet häufig der Gegensatz, sei er in Worten ausge-