Leseunterricht.
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der Schule der Sinn für ein rechtes Bibellesen abhanden gekommen und ein sinn- undgedankenloses Lesen für ihr ganzes Leben angewöhnt worden!
Die dritte Stnfe ist die des guten Lesens (oder des Lesens mit Ansdruck). Unterdiesem Lesen ist selbstverständlich das laute Lesen, Vorlesen gemeint, dessen unerläßlicheBedingung, wenn es wirklich gut sein soll, das ist, daß die Schüler vorher richtig undverständig lesen gelernt haben. Manche nennen das Gntlcscn ein ästhetisches Lesen odergar eine Declamation (vgl. d. Art.). Wie mag man aber von einer Declamation derSchüler reden, wenn man weiß, daß selbst die meisten öffentlichen Redner, selbst vieleSchauspieler nicht wahrhaft und den Gesetzen der Kunst gemäß zu declamiren im Standesind? Wie mag man verlangen, daß Schüler declamiren, wenn man bedenkt, daß dieseine wahrhaft künstlerische Bildung und eine Reife des Geistes voranssetzt, welche in dieinnersten Tiefen des Gedankens und in die zartesten Regungen des Gefühls und Willenseines Schriftstellers einzugehen vermag? Ein affectirtes, gekünsteltes Lesen aber, etwa inweinerlichem Tone, wie man es zuweilen in Töchterschulen, oder in hochtrabend feierlicheinTone, wie man es in Knabenschulen antreffen kann, wird inan doch nicht declamirenheißen wollen; wir können es nicht einmal gut heißen. Fast dasselbe gilt von dem-Ausdruck „ästhetisches Lesen", wenn wir den Begriff nicht bloß negativ fassen unddarunter die Vermeidung alles dessen verstehen, was den Schönheitssinn verletzt, sondernpositiv so, daß es nach den Forderungen und Gesetzen des Schönheitssinnes geschehensoll. Denn so gewiß es ist, daß die Schule auch diesen zu bilden verpflichtet ist, sogewiß sind es doch nur die Anfänge dieser Bildung, mit welchen sie sich beschäftigt,und dasjenige Ziel derselben, welches in einem wirklich ästhetischen Lesen besteht, kanndie Schule niemals erreichen, ja der Erfahrung gemäß erreichen es auch in reiferenJahren selbst von den wahrhaft gebildeten Menschen nur wenige. Wir bleiben darumbei der Forderung nur eines guten (oder schönen) Lesens und meinen damit ein solchesVorlesen, bei welchem einestheils das Schönheitsgefühl des Hörers nicht ans grobeWeise verletzt, anderntheils dem Hörer möglich wird, den Inhalt des Lesestücks richtigaufzufasscn und zu Herzen zu nehmen. Und auch dieser so nieder als möglich gestelltenForderung wird wohl in vielen Schulen oder wenigstens von vielen Schülern einerOberclasse nicht genügend entsprochen werden können. Demnngeachtet muß dieses Zielangestrebt werden nicht bloß in denjenigen Schulen, in welchen die künftigen Männerdes öffentlichen Lebens vorgebildet werden, sondern in allen, weil wo in dem Familien-oder Freundeskreise oder im Geschäftsleben vorgclesen wird, wenn der Zweck des Vor-lesens nicht verfehlt werden soll, viel darauf ankommt, daß in dem bezeichncten Sinnegut gelesen wird. Vor allem ist darum der sogenannte Schulton von der Schule fernezu halten oder, so viel Mühe es auch kosten mag, mit aller Anstrengung aus ihr zuverbannen. Wir meinen damit jenes monotone Herschreien oder Herplappern des Lcsc-stücks oder jenes immer gleichmäßige Auf- und Absteigen des Tones ohne alle Rücksichtauf den Inhalt, das jedes etwas feinere Shr aufs tiefste anwidert und ihm den ganzenInhalt der Worte gewaltsam absperrt. Diesem muß schon in den ersten Schuljahrenunablässig cntgegenarbeitet werden*), weil die Schüler nicht nur gar zu gerne sich gehenlassen, sondern auch das Unschöne, wie sie es zu Hause oder von älteren Schülernhören, viel lieber nachahmcn als das Schöne. Aber auch nachher auf der Mittelstufeist dem guten Lesen möglichste Sorgfalt zuzuwenden, und ans der oberen Stnfe bildetdieses die Hauptaufgabe zur Vollendung des Leseunterrichts. Da ist lcichtbegreiflichdie erste und unerläßlichste Bedingung, daß der Lehrer selbst ein Meister im guten Lesensei; denn wie könnte cr von den Schülern das fordern, was er selbst nicht kann, undwie könnte er lehren, was er nicht versteht? Und doch scheint diese Kunst des guten
Der Schulten ist nichts als ein Fortkliugen. eine Verewigung der beim allerersten Lesen-lernen, wo der Inhalt noch nicht mit ins Bewußtsein des Äindes tritt, unvermeidlichen (?),ichreienden Monotonie, sagt Palmer in seiner evang. Pä dagogik II. S. 198 (8. L73 Ansg. 3.)