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Lehren und Lernen.
stunden für allerlei Fächer, woran alle unsere gelehrten und ungelehrten Schulen leiden,am Ende nur eine factische Verkündigung derselben Ansicht, die doch keine einzige Schul-behörde öffentlich ausznsprechen wagt. Denn die Vielheit der Fächer nöthigt zur Be-schränkung der jedem einzelnen zukommendcn Zeit in dem Grade, daß der Lehrer seinPensum nur durch bloße Mittheilung abzuwickeln vermag. Das ist ein von außenkommender, gewiß von manchen redlichen Lehrern beklagter Zwang, dessen üble, ja ver-derbliche Wirkung in der wachsenden Gleichgültigkeit der Jugend gegen das Lernenmehr und mehr zu Tage kommt. Viele Lehrer üben aber jene Meinung unbewußt aus,ohne von außen gcnöthigt zu sein, z. B. diejenigen, welche ihren Geschichtsunterricht mitdem Dictiren von Paragraphen über den Begriff und den Werth der Universalgeschichtebeginnen und ihren Schülern aufgeben, zu Hause sich das zu merken, was gar nichtgemerkt werden kann, weil es nicht verstanden wird. Ich habe einen zu seiner Zeitals Prediger geschätzten Geistlichen gekannt, weichenden ihm bei 18—19jährigen Schü-lern übertragenen Religionsunterricht in der Weise gab, daß er zweimal in der Wocheauf dem Katheder sitzend Aufsätze religiösen Inhalts ablas, die er znm Behuf jenesUnterrichts gemacht hatte. Als ich einen bescheidenen Zweifel darüber äußerte, ob insolcher Weise Religion gelernt werde, versicherte der Mann, es herrsche bei den Schü-lern während seiner Lectionen die gespannteste Aufmerksamkeit. Die Schüler aberwaren, wie ich mich unverweilt überzeugen mußte, gerade am unwissendsten in derReligion. Und in gleicher Weise habe ich auch bei Lehrern nicht bloß neuer, sondernauch alter Sprachen, und, was man am wenigsten erwarten sollte, bei Lehrern derMathematik viele Unklarheit über das gefunden, was noch außer der Mittheilung imUnterrichte geschehen soll. Ja ich bin einmal gezwungen worden, einen durchaus un-wissenden und ungebildeten Mann als Lehrer der englischen Sprache einzuführen, welchergar nichts, als die Pronunciation dieser Sprache mitzutheilen vermochte, so daß indiesem Falle sogar die Mittheilung der eigentlichen Sprachkenntnisse als Nebensacheerschien. Wenn aber einer vor etlichen Jahren eine neue Erziehungsanstalt für diemännliche Jugend, die erst gegründet werden sollte, dadurch empfahl, daß es seineAbsicht sei, den Zöglingen lauter Resultate mitzutheilen, oder wenn der Verfasser einesviel gerühmten Lehrbuchs der Geschichte darum die der neuesten Zeiten am ausführ-lichsten behandeln zu müßen glaubte, weil eben durch die Geschichte die Jugend poli-tisch und für die Politik zu bilden sei, so haben beide mittelbar die grundfalsche Mei-nung ausgesprochen, daß so, wie mitgetheilt, auch gelernt werde, daß also MittheilenLehren sei.
Aber wie das Empfangen der Anschauung der erste Act des Lernens, so bleibtallerdings das Mittheilen der erste Act des Lehrens, so daß man von der Kindswär-terin, welche das bedanernswerthe deutsche Kind durch ihr Schwatzen nöthigt, seinenBrei in französischen Worten zu verlangen, ebensowenig sagen kann, sic lehre das Kindfranzösisch, als man von Pestalozzi sagen konnte, er lehre zeichnen, wenn er in seinerSchnlstube sechzig Kinder, die weder Anleitung noch Vorlagen bekamen, sondern nurRöthel und Tafeln, zeichnen hieß, „was sie wollten", während er selbst den KindernSätze ans der Naturgeschichte zur Sprachübung vorsagte. Es folgt der zweite Act desLernens, welcher je nach dem Inhalt der Anschauung entweder in der Behandlung oderin der Verarbeitung derselben besteht. Denn was immer bloß geschichtliche Anschauungist, das kann im Unterricht nur behandelt, nicht verarbeitet, und so nicht im engernSinne gelernt werden. Nicht als ob Geschichte überhaupt nicht verarbeitet werdenkönnte, vielmehr lernen ja diejenigen allein wirklich Geschichte, welche das Materialselbständig verarbeiten; weshalbCampe in seinem schönen Buche „Ueber Geschichte"den Vorschlag macht, die ältesten Gymnasialschüler zur historischen Kritik und Herme-neutik anzuleiten, was am Ende doch wohl darauf hinansläuft, daß die Schüler durchVergleichung Geschichte wirklich lernen sollen. Es wird aber der Vorschlag Campe'sso wenig ausführbar sein, als der von Peter, die Schüler ihre Kenntnis der Ge-