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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Lehren und Lernen.

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Schreiben an dnrch Nachahmung; und wenn es sich daran gewöhnt hat, sagen wir, eshabe Lesen und Schreiben gelernt. Das Lernen einer Sprache oder einer Wissenschaftund Kunst aber ist nicht eine Gewöhnung, wenn es gleich der Gewöhnung allerdingsbedürftig ist; denn hier führt die Nachahmung nicht zur Aneignung, da demjenigen,welcher durch Nachahmung zur Fertigkeit gelangt, die Sprache so wenig zu eigen wird,als dem künstlich abgerichteten Vogel. Und so wird denn auch das Auswendiglernender Wörter oder Phrasen, der Formen und Regeln einer Sprache, wird das Einprägender für eine Kunst oder Wissenschaft ausgestellten Grundsätze im Gedächtnisse nicht einLernen der Sprache, Wissenschaft oder Kunst genannt werden dürfen, sondern nur einBeischaffen des Materials für ein mögliches Lernen der Sprache, Wissenschaft oderKunst. Denn die Thätigkeit des Geistes, welcher in solcher Weise sich anschickt, geistigeStoffe sich anzueignen, beschränkt sich auf die Nachahmung der Töne, welche im Ge-dächtnisse, je nach dessen Beschaffenheit schwächer oder fester, und nur so haften, wieeine Sangweise, die wir gehört haben, in der Erinnerung uns gegenwärtig bleibt. Daaber einmal unsere Sprache so verschiedenartige Aneignungen mit demselben WorteLernen bezeichnet, so werden wir vorderhand zwei Arten des Lernens zu unterscheidenhaben, ein Lernen im weitern Sinne, welches vorzugsweise im Nachahmen besteht unddie Gewöhnung zum Ziele hat; und ein Lernen im engern Sinne, dessen Charakter dieSpontaneität ausmacht, dessen Ziel das Wissen und Können ist. Eine dritte Art desLernens, welche zwischen dem Lernen im weitern und dem im engern Sinne in derMitte stehend, obwohl dem ersten mehr verwandt als dem zweiten, doch als Mischungbeider Arten erscheint, wird das Lernen durch Nachbildung sein. Wer die Natur unddie Art des Lehrens ans der Natur und Art des Lernens zu erkennen sucht, wird vor-zugsweise das Lernen im engeren Sinne zu betrachten haben.

Der Anfang des Lernens im engeren Sinne ist ein Empfangen, entweder vonaußen, oder dnrch eine in unserem Geiste selbst entstehende Regung, und das Empfangenselbst, welches zum Anfang eines Lernens wird oder werden kann, ist schon eine Thä-tigkeit des Geistes. Denn daß man vernehmen und sogar auch ins Gedächtnis auf-nehmen könne, ohne wirklich zu empfangen, läßt sich an solchen Missbildungen desGeistes erkennen, dergleichenH. Schubert (Geschichte der Seele II. S. 101, 4. Auflage)eine beschrieben hat: Ein Blödsinniger, August Weck, konnte die in der Sprache ihmmitgetheilten Worte vollständig und oft nach langer Zeit ganz treu wiedergeben, ohnesich den Inhalt dieser Reihen von Worten jemals angeeignet zu haben. Ganze Briefe,die man ihm vorgesagt hatte, merkte er wörtlich, und wußte sie nach einiger Zeit derPerson, an welche der Brief gerichtet war, unverkürzt herzusagen. Eine Menge vonAufträgen, welche ihm für seine weiten Fußreisen aufgegeben waren, so verschieden auchdie Aufträge waren, und so sehr sie sich durchkreuzten, behielt er Monate und Jahrelang im Gedächtnis, und ebenso die Wege, die er gemacht hatte. Aber wenn ihm aufder Hinreise eine Stadt rechts gelegen hatte, sagte er auch bei der Herreise, dieselbeliege rechts; und was er als den ihm gegebenen Auftrag mit wörtlicher Treue aus-richtete, das wußte er selbst niemals. Er sprach seinen Abschied vom Militär, welcherihm vorgesagt und schriftlich mitgetheilt worden war, auf eine Weise aus dem Gedächt-nisse her, daß man merken konnte, die Worte, „er sei seines Blödsinns halber entlassenworden," seien ihm eben so unverständlich, als manche andere Worte des Abschieds.Wie dieser Blödsinnige die ihm mitgetheilten Worte vernahm, ohne dieselben wirklichzu empfangen, so kommen nicht bloß in der Schule, sondern sogar auch in der gelehrtenWelt Erscheinungen vor, welche beweisen, daß, und zwar gerade oft Lei überwiegenderStärke des Gedächtnisses, eine geringere Geistesthätigkeit beim Empfangen vorhandensein könne. Ueberall aber, wo empfangen werden kann, ist die Thätigkeit, dnrch welcheempfangen wird, entweder ein Meinen oder ein Ahnen und Fühlen, wenn wir dnrchuns selbst, oder ein Glauben, wenn wir von außen empfangen, und das, was wirempfangen, ist eine Anschauung, ein inneres Bild, das uns in der Gestalt eines Ur-